Wie unsere Trainings entstehen
Vom Protokoll zum Gespräch: Acht Schritte liegen zwischen einem Landtagsprotokoll und einem Übungsgespräch im Training. Hier stehen sie der Reihe nach — und der rote Faden, der alle verbindet.
Am Anfang stehen ausschließlich öffentliche Originalquellen: die stenografischen Protokolle des Landtags von Sachsen-Anhalt, die Anträge und Anfragen der AfD-Fraktion, das Wahlprogramm, offizielle Verlautbarungen und Wahlkampfmaterial. Presseberichte oder Bewertungen Dritter werden grundsätzlich nicht als Beleg verwendet — höchstens als Hinweis, wo man im Original nachsehen sollte.
Vor der Auswertung steht eine Urheber-Prüfung: Es zählt nur, was nachweislich von der AfD selbst stammt. Bei einer Kleinen Anfrage etwa wird die Antwort der Landesregierung ausgeblendet — ausgewertet wird nur der Text des AfD-Fragestellers. Ausschusstexte, die von mehreren Fraktionen gemeinsam getragen werden, fallen ganz heraus.
Dann wird gelesen — vollständig, Rede für Rede, Antrag für Antrag. Die eigentliche Analysearbeit leisten dabei KI-Lektoren, die nach einem festen, geschlossenen Regelbuch arbeiten: einem Katalog von 22 benannten Sprachtechniken (etwa Dramatisieren, Täter-Opfer-Umkehr, Verschwörungserzählung, Euphemismus) und 15 wiederkehrenden Argumentationsmustern. Dieses Regelbuch ist bewusst geschlossen — niemand darf unterwegs neue Kategorien erfinden. Nur so bleiben zehntausend Einzelbefunde untereinander vergleichbar, und nur so lässt sich später ehrlich sagen: Diese Denkfigur taucht in der Gesundheitspolitik genauso auf wie in der Migrationsdebatte.
Für jede auffällige Stelle wird ein wörtliches Zitat mit Fundort und Datum festgehalten. Sachliche Passagen — und davon gibt es viele — werden ausdrücklich übergangen. Das ist eine Grundsatzentscheidung: Das Projekt dokumentiert Sprachtechniken, es sammelt keine Empörung. Ein harter, aber sachlich formulierter politischer Standpunkt ist kein Fall für die Sammlung.
Jedes Urteil wird anschließend von einem zweiten, unabhängigen Prüfer kontrolliert, der die Begründung des ersten nicht kennt und im Zweifel streicht. Etwa vier von zehn vorgeschlagenen Einstufungen überleben diese zweite Prüfung nicht — das ist gewollt: lieber zu streng als zu großzügig.
Ein einzelner Satz zeigt nicht alles. Deshalb wird jede gefundene Stelle noch einmal im ganzen Absatz gelesen. Erst dort wird oft sichtbar, was der Einzelsatz verbirgt: eine Beweisführung, die sich über mehrere Sätze aufbaut, eine Fragenkette, die eine Anklage ersetzt — oder ein Deutungsbild: das Bild der Flut für Zuwanderung, das Bild der Krankheit für die Position des Gegners, das Bild der Diktatur für eine Verwaltungsvorschrift. Diese Bilder sind die Ebene, auf der politische Sprache am stärksten wirkt, weil sie etwas hervorheben und zugleich etwas ausblenden — und genau dieses »Was blendet das Bild aus?« wird für jede Stelle mit festgehalten.
Bevor irgendetwas veröffentlicht wird, passiert zweierlei. Erstens: Wo eine Aussage eine überprüfbare Tatsachenbehauptung enthält (»1.000 Messerdelikte im Jahr«, »die Impfung wirkte nicht«), wird sie recherchiert — gegen amtliche Statistiken und Primärquellen — und das Ergebnis als nüchterne, belegte Einordnung neben das Zitat gestellt. Wichtig dabei: Die Freigabe bestätigt immer nur, dass das Zitat echt und korrekt belegt ist — nicht, dass sein Inhalt stimmt.
Zweitens: Alles, was Ermessen oder rechtliche Abwägung verlangt — etwa eine unbelegte Anschuldigung gegen eine identifizierbare Einzelperson —, landet nicht in einem Automatismus, sondern auf dem Tisch des Herausgebers. Der Grundsatz lautet: Techniken benennen, Menschen nicht verurteilen, und im Zweifel die zurückhaltendere Formulierung wählen.
Aus dem geprüften Bestand entstehen die Lese-Angebote der Webseite. Kampfbegriffe und Tarnvokabeln werden in einem Lexikon gesammelt und nach ihren Deutungsbildern gruppiert. Für besonders sprechende Zitate entsteht ein Wörterbuch »AfD-Sprache ↔ Klartext« mit zwei Teilen: einer sachlichen Analyse (was tut diese Formulierung?) und einer ausdrücklich als Rekonstruktion gekennzeichneten Ich-Passage, die das unausgesprochene Kalkül hörbar macht — streng gebunden an das, was im Zitat nachweisbar ist, nie an Mutmaßungen über die Person.
Nicht jedes Landtags-Zitat taugt fürs Training. Ausgewählt wird nach einer einfachen Leitfrage: Könnte dieser Satz so — oder fast so — am Stammtisch, an der Haustür, im Familienchat fallen? Verfahrenspolemik gegen einzelne Minister fällt durch; die übertragbare Parole (»Es ist kein demografischer Wandel, es ist eine Katastrophe«) kommt weiter. Zu jeder ausgewählten Aussage wird notiert, in welcher Alltagsszene sie typischerweise begegnet. Die Auswahl achtet außerdem auf Streuung: möglichst viele verschiedene Techniken und Themen, nicht zwanzig Varianten derselben Parole.
Für jede ausgewählte Aussage wird dann ein ganzes Paket erarbeitet, dessen Teile aufeinander aufbauen: Welche echte Sorge, welches verletzte Bedürfnis könnte hinter dem Satz stehen, wenn ein Nachbar ihn ausspricht? Wo genau sitzt die verdeckte Prämisse, die man nicht schlucken muss? Wie klingt eine Gegenrede, die nicht belehrt, sondern trägt? Und wie antwortet man zuhörend — mit einer eigenen Geschichte, einer ehrlichen Frage, einer Einladung statt einer Widerlegung? Dieser letzte Teil folgt dem Ansatz des »Deep Canvassing«: Menschen ändern ihre Haltung selten durch Faktensiege, eher durch Gespräche, in denen sie sich nicht verteidigen müssen.
Seit August 2026 gehört zu jedem Paket außerdem die Funktionsbilanz: Was leistet der Satz — für den, der ihn hört (das Gefühls-Angebot, das sich wie Ermächtigung anfühlt), und für den, der ihn sagt (Zustimmung, ohne je liefern zu müssen)? Die Bilanz benennt dann, was der Satz nimmt und was er nicht löst. Dahinter steht ein Maßstab, der das ganze Projekt trägt und sich beim Kybernetiker Heinz von Foerster borgt: »Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.« Manipulative Sprache tut das Gegenteil — sie verengt den Raum der Möglichkeiten auf einen Schuldigen, eine Erklärung, einen Ausweg, und entmächtigt so gerade die, denen sie eine Stimme verspricht. Eine gute Gegenrede lässt sich daran messen, dass sie diesen Raum wieder öffnet.
Erst jetzt entsteht das eigentliche Übungsgespräch. Es bekommt eine Alltagsbühne (die Familienfeier, der Vereinstresen, die Haustür) und eine Gegenfigur, die keine Karikatur ist, sondern aus einem nachvollziehbaren, verletzten Bedürfnis heraus spricht — so, wie die Analyse sie rekonstruiert hat. Das Gespräch verläuft über mehrere Runden, und an den Weggabelungen stehen echte Alternativen: die verlockende, aber kontraproduktive Antwort (der Faktensieg, die Moralkeule) neben der tragfähigen. Jede Wendung des Gesprächs bleibt dabei rückgebunden an die Originalzitate — was die Gegenfigur sagt, ist keine Erfindung, sondern belegtes AfD-Vokabular in Alltagsform.
Auch hier wird mehrfach erzeugt und streng aussortiert: Verschiedene Gesprächsverläufe werden durchgespielt, gegeneinander gehalten, auf Formfehler geprüft (klingt die Würdigung wie eine Bestätigung der Parole? antwortet die Erwiderung wirklich auf diese Behauptung oder auf eine bequemere?) — und nur die besten Läufe erreichen das Training.
Er ist immer derselbe: Jede Behauptung führt auf ein wörtliches, datiertes Zitat zurück. Jedes Urteil wird unabhängig gegengeprüft. Jede Deutung ist als Deutung gekennzeichnet. Und überall, wo Ermessen beginnt, endet der Automatismus.