Gesundheit und Krankheit
Beschreibung
Der Begriff erklärt eine Politik oder Haltung für krankhaft-irrational: -wahn, -hysterie, -irrsinn, -panik, -manie. Wer krank ist, mit dem verhandelt man nicht — der Frame ersetzt Widerlegung durch Diagnose.
Formulierungen, die den Gegner für krank oder verrückt erklären — die Diagnose ersetzt die Widerlegung
Erkennungsmerkmale
Wortbildungen mit wahn/hysterie/irrsinn/panik/fieber/manie; Funktion beschreibt Pathologisierung/Irrationalisierung
Was der Rahmen hervorhebt
Den Zustand des Sprechenden statt den Inhalt des Gesagten. Im Bild von Gesundheit und Krankheit zählt, ob jemand bei Sinnen ist — nicht, ob er recht hat.
Was er ausblendet
Dass die Gegenseite Argumente hat — die Diagnose ersetzt die Auseinandersetzung: Wer krank ist, dem muss man nicht mehr antworten.
Das Kalkül
Das Krankheits-Vokabular ersetzt Widerlegung durch Diagnose und kehrt die Beweislast um: Nicht das Argument wird geprüft, sondern der Zustand dessen, der es äußert. Es hebt den Sprecherzustand hervor und blendet aus, dass es überhaupt etwas zu prüfen gäbe; es entmächtigt, weil es die Zuhörenden von der Pflicht zur inhaltlichen Auseinandersetzung entbindet — wer diagnostiziert statt widerlegt, muss auch nicht mehr zuhören.
Funktion
- F2
- Selbst eine sachlich richtige Widerlegung des Arguments lässt die Diagnose stehen; sie befriedigt nicht das Bedürfnis nach einer klaren, endgültigen Grenze zwischen ernstzunehmend und nicht ernstzunehmend, die keine fallweise Prüfung mehr verlangt.
Gegenstrategie
Die Pathologisierung benennen (»Hier ersetzt eine Diagnose das Argument«) und auf die prüfbare Sachfrage zurückführen; das Krankheits-Vokabular nicht übernehmen.
Neu-Rahmung
Der Gegen-Rahmen erfüllt dieselbe Ordnungs-Funktion mit einem eigenen Bild: »Wir prüfen Sätze, nicht Seelen.« An der Werkbank wird der Satz geprüft, nicht der Kopf, der ihn hatte — die Auseinandersetzung, die die Diagnose erspart hat, ist wieder möglich.
Konter-Evidenz
eigenuebertrag
Beleg
Wehling, »Politisches Framing« (2016), Kap. 3: Abstrakte politische Sachverhalte werden zwingend über Metaphern gedacht, und die Metapher liefert ihre Schlussfolgerungen gleich mit — das Bild wirkt, bevor ein Argument gebaut ist. Ottomeyer (»Angst und Politik«, 2022, S. 169–181) beschreibt die psychische Seite dieses Bildfelds: Als schmutzig oder krankhaft Empfundenes am eigenen Selbst wird auf die Fremdgruppe projiziert und dort bekämpft.