Sprachliche Techniken
Nicht jede manipulative Aussage braucht ein ganzes Argument. Manchmal genügt ein einziges Wort — eine Beschönigung, ein wertendes Etikett, ein Code, der nur für Eingeweihte etwas bedeutet. Diese Seite nennt das eine Technik: die kleinste Einheit sprachlicher Manipulation. 23 solcher Techniken verteilen sich auf drei Ebenen — vom einzelnen Wort über das Argument bis zum Gespräch als Ganzem.
weiter lesen
Was unterscheidet eine Technik von einem Argumentationsmuster?
Ein Topos ist eine Schlussfigur: eine Prämisse führt zu einer Forderung. Eine Technik braucht das nicht — oft reicht ein einzelnes Wort, um zu werten, zu verschleiern oder eine Gruppe abzustempeln, ganz ohne dass ein Argument im eigentlichen Sinn gebaut wird. Wie oft das vorkommt, haben wir an einer eigenen Stichprobe von 365 Fundstellen gemessen: Bei rund der Hälfte trug tatsächlich kein größeres Argumentationsmuster den Satz — nur die Wortwahl selbst wirkte. Sprache manipuliert also auf zwei Ebenen: über einzelne Wörter und über ganze Schlussfolgerungen.
Drei Ebenen: Wort, Argument, Gespräch
Die Techniken dieser Seite gliedern sich in drei Ebenen. Auf der Wort-Ebene sitzt die Manipulation im einzelnen Ausdruck — eine Tarnvokabel wie »Remigration« für Massenabschiebung, ein wertender Kampfbegriff wie »Zwangsgebühren«. Auf der Argument-Ebene fügen sich Wörter zu einem Freund-Feind-Schluss — eine Tat wird mit einer Herkunft verschmolzen, eine Gruppe pauschalisiert, ein Verbrechen gegen ein anderes aufgerechnet. Auf der Gesprächs-Ebene schließlich wird nicht mehr ein Inhalt behauptet, sondern das Gespräch selbst angegriffen — eine Kontrollinstanz wird pauschal delegitimiert, eine Behauptung als bloße Frage getarnt, für die niemand geradestehen muss. Jede Technik auf dieser Seite ist genau einer dieser drei Ebenen zugeordnet.
Wie prüft man, ob eine Technik wirklich greift?
Zu jeder Technik der Argument- und Gesprächs-Ebene gehört ein missbrauchtes Argumentationsschema — die saubere Form, die hier verzerrt wird — und eine unterdrückte kritische Frage: die Rückfrage, die das Argument eigentlich aushalten müsste, hier aber unbeantwortet bleibt.¹ Diese kritische Frage ist das eigentliche Werkzeug: Sie lässt sich in jedem Gespräch stellen, ganz gleich, wer gerade redet.
- Walton, Douglas / Reed, Chris / Macagno, Fabrizio (2008): Argumentation Schemes. Cambridge University Press — Grundlage der »kritischen Frage«, die auf jeder Technik-Karte dieser Website als Gegenmittel dient.
Ebene des Bildes — Framing (Rahmung)
Zwischen dem einzelnen Wort und dem ausgeführten Argument liegt eine eigene Ebene: das Bild. Es ist mehr als ein Macht-Wort — und doch kein Argument, weder ausgesprochen noch verschwiegen. Ein Bild weckt Gefühle, bevor das Denken beginnt: Wer »Flut« hört, spürt Bedrohung, ehe eine einzige Zahl gefallen ist. Diese Seite katalogisiert die Bildquellen der dokumentierten Kampfbegriffe als Bildfelder. Jedes Bildfeld ist ein Frame — deutsch: ein Rahmen. Wie der Rahmen eines Bildes bestimmt er, welche Grenzen das Bild hat, was darin zu erkennen ist — und was die Rahmung abschneidet und unsichtbar macht.
weiter lesen
Warum eine eigene Ebene?
Ein Kampfbegriff wirkt selten allein durch seine Wörtlichkeit — er wirkt durch das Bild, aus dem er seine Kraft holt. »Asylflut«, »Migrantenströme«, »Überschwemmung«: drei Wörter, ein Bild (Naturgewalt — gegen Wasser hilft kein Gespräch, nur ein Damm). Das Bild ist die gemeinsame Quelle vieler Wörter und der unausgesprochene Boden späterer Argumente. Deshalb steht es in der Reihung zwischen Wort und Argument.
Die Bildfelder
Die Machart-Sortierung des Begriffe-Lexikons ordnet die dokumentierten Kampfbegriffe nach genau diesen Bildquellen — Krankheit und Wahn, Diktatur und Zwang, Naturgewalt und Masse, Fälschung und Etikett und weitere. Jedes Bildfeld bündelt Dutzende bis Hunderte Begriffe: Wer das Bild einmal erkannt hat, durchschaut jede neue Vokabel aus derselben Quelle.
Die Technik dieser Ebene
Als sprachliche Operation gehört hierher vor allem das Naturalisieren: Soziales wird als Natur, Abstammung oder Schicksal ausgegeben. Und die Gegenrede dieser Ebene ist das Reframing — dem Bild nicht widersprechen, sondern es entlarven oder durch ein eigenes ersetzen: Menschen sind keine Flut.¹
- Zur Bild-/Frame-Ebene: Harald Weinrich (Bildfeld-Theorie), George Lakoff / Elisabeth Wehling (Frame-Semantik, Politisches Framing, 2016) — s. a. das Prinzip »Den eigenen Rahmen setzen«.
Woran man einen Rahmen erkennt
Welchen Rahmen gibt dieser Ausdruck vor? Wohin lenkt er den Blick, was blendet er aus, welche Emotion ruft er auf — und welche Handlungsoptionen bleiben danach noch?
Ein Rahmen tut immer zweierlei zugleich: Er hebt hervor, was in ihm liegt, und schneidet ab, was außerhalb bleibt — beides ist derselbe Handgriff. Der Bildbereich selbst wertet nicht, er wird gehalten: Derselbe Ausschnitt zeigt Bach, Wiese und Waldrand — oder, ein Stück weitergeschwenkt, Chemiewerk, Autobahn und Schlachthof. Gewertet wird mit jeder Einstellung. Und was außerhalb liegt, lässt sich zurückholen; das ist der Gegenzug. Ein Zitat kann mehrere Bilder zugleich ansprechen; es taucht dann in mehreren Rahmungen auf.
Wie man Rahmen im Gespräch begegnet, steht im Debattenleitfaden: Stufe 3 »Der Rahmen«. Zum Debattenleitfaden
Argumentationsmuster (Topoi, Denkmuster)
Wer politisch spricht, will überzeugen. Dafür reichen oft keine nackten Fakten — man braucht einen Schluss, der einleuchtet. Genau an dieser Stelle kommen Argumentationsmuster ins Spiel. Sie sind das unsichtbare Gerüst, das eine Forderung erst zwingend erscheinen lässt. Diese Seite zeigt, welche Muster in den Reden und Texten der AfD Sachsen-Anhalt immer wiederkehren — und wie man ihnen im Gespräch begegnet.
weiter lesen
Was ist ein Argumentationsmuster?
Ein Argumentationsmuster (Fachbegriff: Topos, Mehrzahl Topoi) ist kein einzelnes Argument, sondern eine Bauform für Argumente. Das griechische Wort topos heißt wörtlich »Ort«. Gemeint ist ein gedanklicher Fundort: eine Stelle, an der man verlässlich ein passendes Argument findet, egal um welches konkrete Thema es gerade geht. Schon Aristoteles hat vor über 2000 Jahren solche wiederkehrenden Muster gesammelt.¹ Ein Beispiel macht das klar. Der »Gefahren-Topos« hat die Form: Wenn X eine Bedrohung ist, dann muss man gegen X vorgehen. Diese Regel selbst spricht niemand offen aus — sie wird vorausgesetzt. Wird X nur erst einmal glaubhaft als Bedrohung dargestellt, wirkt die Forderung danach fast von selbst zwingend. Der Topos ist also der unausgesprochene Schluss hinter der Argumentation.
Wie viele Argumentationsmuster gibt es grundlegend?
Eine feste Zahl gibt es nicht — sie hängt davon ab, wofür man sucht. Aristoteles listete Dutzende allgemeine Muster für praktisch jedes Streitgespräch auf.¹ Für die moderne Diskursforschung ist das zu breit. Martin Reisigl und Ruth Wodak, die sich auf Sprache zu Rassismus und Ausgrenzung spezialisiert haben, grenzen den Katalog auf etwa zehn Muster ein, die in diesem Themenfeld ständig wiederkehren.² Diese Seite verwendet 15 Argumentationsmuster — nicht, weil das eine besondere Zahl wäre, sondern weil genau diese sich beim tatsächlichen Durcharbeiten der AfD-Sachsen-Anhalt-Texte als tragfähig erwiesen haben, jedes davon einzeln an der Fachliteratur geprüft. Vier weitere Muster kamen erst hinzu, nachdem sie im Korpus immer wieder auftauchten, ohne dass eines der bestehenden Muster richtig passte — der Wirkungslosigkeits-Topos etwa stammt aus Albert Hirschmans Studie zu reaktionärer Rhetorik,³ der Freiheits-Topos geht auf die Argumentationstheorie von Chaïm Perelman zurück.⁴ Der Katalog ist bewusst offen: Findet sich verlässlich ein neues Muster, kommt es dazu.
Wie werden Argumentationsmuster im politischen Diskurs verwendet?
Ihre Funktion ist die Legitimation: Sie machen eine Forderung zum scheinbar zwangsläufigen Ergebnis einer Prämisse, die selbst nie begründet werden muss. Wer die (unausgesprochene) Prämisse akzeptiert, akzeptiert fast automatisch auch den Schluss. Ein Topos gehört dabei keiner Partei und keiner Weltanschauung — problematisch wird es erst in der konkreten Ausführung: wenn die Prämisse unbelegt bleibt, wenn Gegenbelege verschwiegen werden, oder wenn die kritische Rückfrage, die ein Argument eigentlich aushalten müsste, unbeantwortet bleibt.⁵ Genau diese kritische Rückfrage liefert diese Seite zu jedem Muster mit — als Werkzeug für das eigene Urteil, nicht als vorgefertigtes Urteil selbst.
- Aristoteles: Rhetorik / Topik (4. Jh. v. Chr.) — klassischer Ursprung des Begriffs »Topos« als Fundort wiederkehrender Argumentmuster.
- Reisigl, Martin / Wodak, Ruth (2001): Discourse and Discrimination. Rhetorics of Racism and Antisemitism. London/New York: Routledge.
- Hirschman, Albert O. (1991): The Rhetoric of Reaction. Perversity, Futility, Jeopardy. Cambridge, MA: Belknap Press.
- Perelman, Chaïm / Olbrechts-Tyteca, Lucie (1958): La nouvelle rhétorique. Traité de l'argumentation (dt./engl. The New Rhetoric: A Treatise on Argumentation).
- Walton, Douglas / Reed, Chris / Macagno, Fabrizio (2008): Argumentation Schemes. Cambridge University Press — Grundlage der »kritischen Frage«, die auf jeder Technik- und Topos-Karte dieser Website als Gegenmittel dient.
Diskursfiguren
Manche Muster sind zu groß für eine einzelne Technik und zu konkret für einen allgemeinen Topos. Sie bündeln mehrere Techniken zu einer wiedererkennbaren Erzählfigur mit eigenem Namen — einem Deutungsmuster, das ganze Absätze oder sogar ganze Reden trägt. Diese Seite nennt das eine Diskursfigur.
weiter lesen
Was ist eine Diskursfigur?
Eine Diskursfigur ist eine höherstufige, benannte Konfiguration mehrerer Basis-Techniken — die Diskursforschung nennt so etwas eine »Strategie«.¹ Diese Seite verwendet bewusst das Wort »Figur« statt »Strategie«: Es beschreibt ein wiederkehrendes Muster im Text, ohne dabei eine bewusste Absicht der sprechenden Person zu unterstellen.
Warum eine dritte, eigene Ebene?
Eine einzelne Technik erklärt ein Wort, ein Topos eine Schlussfigur. Manche wiederkehrenden Erzählungen brauchen aber beides zugleich, in einer festen Kombination: Ein pauschalisierendes Wort, ein naturalisierender Rahmen und ein dramatisierender Zeithorizont können zusammen eine eigene, im politischen Diskurs längst benannte Erzählfigur ergeben. Genau diese Kombinationen sammelt diese Ebene — und zeigt, aus welchen Bausteinen sie sich zusammensetzt.
Warum gibt es bislang nur wenige Diskursfiguren?
3 Diskursfiguren sind auf dieser Seite katalogisiert, und das ist Absicht: Eine echte, wiederkehrende Kombination von Techniken nachzuweisen, ist ein höherer Beleg-Aufwand als eine einzelne Technik zu benennen. Der Katalog bleibt deshalb bewusst klein und wächst nur, wenn eine neue Figur sich im Korpus wiederholt zeigt und einzeln an der Fachliteratur geprüft wurde.
- Reisigl, Martin / Wodak, Ruth (2001): Discourse and Discrimination. Rhetorics of Racism and Antisemitism. London/New York: Routledge — Grundlage des diskurshistorischen »Strategie«-Begriffs, hier bewusst als »Figur« übersetzt.