Natur und Naturgewalt
Beschreibung
Menschen werden zu Naturereignissen: -flut, -welle, -strom, Massen-, Ansturm, Invasion. Der Frame entmenschlicht — gegen eine Flut hilft kein Gespräch, nur ein Damm; Abwehr wird zur Naturnotwendigkeit.
Formulierungen, die Menschen zu Fluten und Wellen machen — gegen Naturgewalt hilft kein Gespräch, nur ein Damm
Erkennungsmerkmale
Wasser-/Massen-/Militärmetaphorik auf Menschen (Flut, Welle, Strom, Masse, Ansturm, Invasion, Raumnahme)
Was der Rahmen hervorhebt
Menge, Bewegung und Wucht. Was ins Bild rückt, ist ein Pegel, der steigt und drückt: bedrohlich, gesichtslos, ohne Absicht — und deshalb auch ohne Grund, nach dem man fragen könnte.
Was er ausblendet
Einzelne Menschen und ihre Fluchtgründe — im Wasser-Bild bleibt als einzige menschliche Rolle das einheimische Opfer; die Bewegung erscheint grundlos und unaufhaltsam wie Wetter.
Das Kalkül
Das Wasser-Bild macht aus Menschen eine Naturgewalt, gegen die nur Deiche, keine Gespräche helfen. Es hebt Menge, Tempo und Wucht hervor und blendet einzelne Personen, ihre Gründe und die eigene Gestaltungsmacht aus; es entmächtigt, weil es jede Reaktion außer Abwehr unplausibel macht — mit einer Flut verhandelt niemand.
Funktion
- F1
- Eine korrekt bezifferte Zuwanderungszahl stillt nicht das Bedürfnis, eine als unüberschaubar erlebte Entwicklung wieder für beherrschbar zu halten — das Gefühl der Kontrolle bleibt aus, solange nur die Zahl korrigiert wird.
Gegenstrategie
Die Wasser-Wörter in keiner Form übernehmen (auch nicht verneint). Stattdessen Menschen im Maßstab zeigen: konkrete Zahl mit Bezugsgröße, eine erzählte Person, Gründe statt Naturgewalt.
Neu-Rahmung
Der Gegen-Rahmen erfüllt dieselbe Entlastungs-Funktion mit einem eigenen Bild: ›Ankommen lässt sich organisieren — Turnhalle, Sprachkurs, Dienstplan: Das haben Städte wie unsere schon einmal geschafft.‹ Die Lage wird beherrschbar — nicht durch Dämme, sondern durch erfahrene Organisation; die Handlungsmöglichkeiten, die das Wasser-Bild verschluckt hat, sind wieder da.
Konter-Evidenz
forschungsgestuetzt
Beleg
Wehling, »Politisches Framing« (2016), Kap. 3: Abstrakte politische Sachverhalte werden zwingend über Metaphern gedacht, und die Metapher liefert ihre Schlussfolgerungen gleich mit — das Bild wirkt, bevor ein Argument gebaut ist. Für dieses Bildfeld ist die Analyse am dichtesten: Wehling (2016, Kap. 11.3) arbeitet vier unbewusste Schlussfolgerungen der Wassermassen-Metapher heraus — Einheimische werden zu Opfern, Ankommende zur Bedrohung, ihre eigene Not verschwindet, Individualität wird abgesprochen. Reisigl/Wodak (2001, Kap. 2, S. 77) zeigen dieselbe Bündelung zweier Schlussregeln: Naturgewalten sind gefährlich, gegen Gefahr muss gehandelt werden.