Wirt und Gast
Beschreibung
Menschen oder Gruppen werden als Nutznießer ohne Gegenleistung gerahmt: Versorgungs-, Sozialtourismus, »in die Sozialsysteme einbrechen«, anlocken. Der Frame kriminalisiert legale Ansprüche und teilt in Wirt und Parasit.
Formulierungen, die rechtmäßige Ansprüche wie Diebstahl klingen lassen
Erkennungsmerkmale
versorgungs/sozialtourismus/schmarotzer/anlocken/ausnutzen/alimentieren/Magnet-Metaphorik
Was der Rahmen hervorhebt
Die Bilanz von Geben und Nehmen. Zwei Seiten treten hervor — eine trägt, eine zehrt —, und das Verhältnis erscheint als Gastfreundschaft, die man gewährt oder entzieht.
Was er ausblendet
Die Beiträge der Angegriffenen — und dass sie Teil des Gemeinwesens sind: Das Körper-Bild macht Ausschluss zur Hygiene-Maßnahme.
Das Kalkül
Das Wirt-Gast-Bild rechnet die eigene Leistung gegen einen vermeintlichen Nutznießer auf und macht rechtmäßige Ansprüche zum Diebstahl. Es hebt die Bilanz von Geben und Nehmen hervor und blendet aus, dass die Angegriffenen selbst beitragen und Teil des Gemeinwesens sind; es entmächtigt, weil es eine reale Kränkung an eine falsche Adresse bindet, statt sie woanders hinzulenken.
Funktion
- F4
- Eine korrekte ökonomische Gegenrede zur Sozialleistungsbilanz stillt nicht das Bedürfnis, dass die eigene, oft unbezahlt erlebte Leistung endlich gesehen wird — die Kränkung bleibt, wenn nur die Zahl widerlegt wird.
Gegenstrategie
Nie im Bild antworten (das SPÖ-»Wiener Blut«-Beispiel zeigt: auch die positive Wendung verstärkt den Frame). Stattdessen eigener Rahmen: Wer trägt was bei — Menschen, die arbeiten, pflegen, zahlen.
Neu-Rahmung
Der Gegen-Rahmen erfüllt dieselbe Anerkennungs-Funktion mit einem eigenen Bild: »Auf der Baustelle zählt jeder, der ein Werkzeug in die Hand nimmt.« Die gemeinsame Baustelle würdigt die eigene Leistung ebenso deutlich — nur ohne eine Gruppe zur Last zu erklären.
Konter-Evidenz
forschungsgestuetzt
Beleg
Wehling, »Politisches Framing« (2016), Kap. 3: Abstrakte politische Sachverhalte werden zwingend über Metaphern gedacht, und die Metapher liefert ihre Schlussfolgerungen gleich mit — das Bild wirkt, bevor ein Argument gebaut ist. Kemper/Weinbach (»Klassismus«, 2018, Kap. 5.3.3) dokumentieren den Stereotyp-Katalog hinter diesem Bildfeld (Schmarotzer, Betrüger, Asozialität) und weisen darauf hin, dass rein ökonomische Gegenrede die Herabsetzung durch die Bezeichnung unadressiert lässt.