Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Ausschuss für Bildung und Kultur

„Flagge zeigen - Für einen identitätsstiftenden Umgang mit den deutschen Farben“

Quelle

Sprecher
Ausschuss für Bildung und Kultur
Datum
2020-07-01
Quelle
Drucksache 7/6253 — Antrag Fraktion AfD - Drs. 7/3594 Berichterstatterin: Abgeordnete Frau Angela Gorr Der Ausschuss für Bildung und Kultur
Fundort
Drucksache 7/6253
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/drs/wp7/drs/d6253vbe.pdf
Beleg-ID
fs-bild-0313 · Absatz aus fs-bild-abs-0656

Kodierte sprachliche Mittel

Chiffre / Dog WhistleSelbst-EtikettierungNormalisierungStrategische Unschärfe (Nebelsatz)Kultur & Identität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Chiffre / Dog Whistle: Den Code offenlegen: aussprechen, was das Wort den Eingeweihten signalisiert — eine Chiffre verliert ihre Deckung, sobald die zweite Botschaft offen im Raum steht. Herkunftsbeleg bereithalten. · Was verstehen diejenigen, die den Code kennen — sag es doch einmal offen. · eigenuebertrag

Gegenstrategie gegen Selbst-Etikettierung: Das Selbst-Etikett gegen das belegte Handeln halten und es nicht übernehmen — die Akteure präzise beim dokumentierten Verhalten benennen statt bei ihrer Pose. · Passt der schmeichelnde Name zum belegten Tun — was genau ist daran harmlos? · praxiswissen

Gegenstrategie gegen Normalisierung: Die Verschiebung selbst zum Thema machen: die Serie zeigen, nicht den Einzelfall — und dem beiläufigen Ton den sachlichen Rahmen nehmen, indem man benennt, was da gerade nebenbei gesetzt werden soll. · Seit wann sagen wir das so beiläufig — und wem nützt es, dass es inzwischen normal klingt? · eigenuebertrag

Gegenstrategie gegen Strategische Unschärfe (Nebelsatz): Keine Lesart widerlegen — das spielt das Spiel des Nebels mit, der Sprecher weicht auf die andere aus. Stattdessen mit Rückfragen zur Festlegung nötigen, bis die Aussage kenntlich ist: Erst der geschärfte Inhalt lässt sich prüfen und kontern. Weicht der Sprecher aus, ist der Nebel selbst als Machart benannt. · Wen genau meinst du — und was genau tut der? Sag es einmal so, dass man dir zustimmen oder widersprechen kann. · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Kultur & Identität (Argumentationsmuster): Diese Antwort wappnet vorbeugend — sie richtet sich nicht an den Sprecher einer bereits gefallenen Parole, sondern an ein Publikum, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat; deshalb erklärt sie ruhig, statt zu widerlegen, und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stillschweigende Prämisse: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt, es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine unveränderliche Mehrheitskultur. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen, graduell und über Generationen; das ist der historische Normalfall, den auch Deutschland selbst durchlaufen hat. Genau hier setzt eine sokratische Nachfrage an: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt, die Leerstelle offenzulegen, statt sie mit Statistik zu kontern — wer Zahlen gegen das Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits deren Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Zugleich lohnt der Appell an einen konkreten gemeinsamen Wert: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Sozialisation, Nachwende-Umbrüche —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Wo das Bild von »kulturfremden« Menschen fällt, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung, und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, damit schon zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Prämisse die Selbstverständlichkeit, ohne die Tür zuzuschlagen — anders als das Kontern, das auf offene Konfrontation im Moment selbst zielt. · Diese Antwort wirkt im Moment der Konfrontation — anders als das Immunisieren geht es nicht darum, ein Publikum zu wappnen, sondern die Behauptung live zu entlarven; deshalb darf sie schärfer sein, muss aber die Person von der Parole trennen und nicht in Empörung kippen, die der Sprecher als Opferrolle verbuchen würde. Der wirksamste Hebel ist, die Technik zu benennen: Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, formuliert keine Beschreibung, sondern eine Bedingung — offenzulegen, statt über die Dosierung zu diskutieren, wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Prämisse längst akzeptiert; das ist die Falle. Stattdessen lohnt der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man vollständig besitzt oder verliert, sondern ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer als homogen imaginierten Mehrheitsgesellschaft. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe, transportiert aber eine Zugehörigkeitsgrenze — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern Grenzziehung im Gewand der Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als bloße Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, entzieht der Behauptung ihre Tarnung als Tatsachenfeststellung, ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten. · Vorbeugen heißt: Ein Publikum stark machen, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat. Es richtet sich nicht an den, der die Parole schon gesagt hat. Deshalb erklärt dieser Text ruhig, statt zu widerlegen — und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stille Annahme dahinter: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt: Es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine Mehrheitskultur, die sich selbst nie verändert. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen. Langsam, über Generationen. Das ist der normale Fall in der Geschichte — auch Deutschland selbst hat das durchgemacht. Genau hier hilft eine einfache Frage: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt dazu, die Lücke im Argument offenzulegen — statt mit Statistik dagegenzuhalten. Wer Zahlen gegen ein Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits dessen Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Auch ein Appell an einen gemeinsamen Wert lohnt sich: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Zeit, die Umbrüche nach der Wende —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Fällt das Wort »kulturfremden«, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung. Und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, gleich zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Annahme ihre Selbstverständlichkeit — ohne die Tür zuzuschlagen. Das unterscheidet diesen Weg vom Kontern, das auf offenen Widerspruch im Moment selbst zielt. · Kontern wirkt im Moment der Konfrontation. Anders als beim Vorbeugen geht es nicht darum, ein Publikum stark zu machen, sondern die Behauptung sofort zu entlarven. Deshalb darf der Ton schärfer sein — muss aber die Person von der Parole trennen und darf nicht in Empörung kippen. Empörung würde der Sprecher nur als Opferrolle verbuchen. Der stärkste Hebel: die Technik benennen. Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, beschreibt nichts — er stellt eine Bedingung. Das offenzulegen ist wichtiger, als über die Dosierung zu streiten: wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Annahme dahinter schon akzeptiert — das ist die Falle. Besser ist der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man ganz besitzt oder ganz verliert. Sie ist ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft, die sich selbst für einheitlich hält. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe. Tatsächlich zieht er eine Grenze der Zugehörigkeit — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern eine Grenzziehung im Gewand einer Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als reine Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, nimmt der Behauptung ihre Tarnung als Tatsache — ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung kleidet eine normative Pflicht — tägliches Fahnenzeremoniell und Nationalgesang im Schulalltag — in einen pädagogisch klingenden Begriff. »Identitätsstiftend« suggeriert einen neutralen Bildungsauftrag und verschleiert, dass hier ethno-kulturelle Zugehörigkeit zur Staatsbürger-Pflicht erklärt wird. Der Begriff etikettiert die Maßnahme positiv und macht Widerspruch dagegen rhetorisch schwer, da er sich als Selbstverständlichkeit tarnt, der niemand offen entgegentreten will.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich schreibe nicht »Pflicht zur täglichen Fahnenzeremonie«, denn das klingt nach Befehl, nach Drill. Ich schreibe »identitätsstiftend« — ein Wort, das nach Pädagogik riecht, nach Persönlichkeitsbildung, nach etwas, das man Kindern doch wünschen sollte. Wer wollte schon gegen Identität sein? Dass ich mit »Identität« nicht die vielfältige, selbstgewählte Zugehörigkeit meine, sondern eine ethno-kulturelle Norm, die täglich vor der Klasse zu bekräftigen ist, sage ich nicht. Ich nenne das »Umgang mit den deutschen Farben« und mache aus einer Vorschrift eine Geste der Fürsorge. So wird die Übung so selbstverständlich, dass niemand mehr fragt, wessen Identität hier eigentlich gestiftet wird — und wessen nicht.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung ersetzt den staatsbürgerlich-neutralen Begriff »Bundesflagge« durch »deutsche Farben« und verschiebt damit den Bezugspunkt von der demokratischen Verfassungsordnung auf eine völkisch-kulturelle Zugehörigkeit. Das Wort »identitätsstiftend« etikettiert diese Verschiebung zusätzlich als pädagogisch wünschenswerte Norm, statt sie als politische Deutung kenntlich zu machen. So wird eine spezifisch nationale Lesart der Symbolik als selbstverständlich und unpolitisch präsentiert.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage nicht »Bundesflagge« — das klingt nach Grundgesetz, nach Institution, nach einem Staat, den jeder mittragen kann, ganz gleich woher er kommt. Ich sage »die deutschen Farben«, und schon gehört das Schwarz-Rot-Gold nicht mehr der Verfassung, sondern dem Volk. Damit niemand merkt, dass ich hier etwas verschiebe, verpacke ich es als Bildungsanliegen: »identitätsstiftend« klingt nach Pädagogik, nicht nach Programm. Wer das im Ausschuss absegnet, hat zugestimmt, dass Schule künftig nicht mehr staatsbürgerliche Zugehörigkeit vermittelt, sondern ethnisch-kulturelle — ohne dass ein einziges Wort davon im Antrag stünde, das man mir vorhalten könnte.

Begriffe in dieser Aussage

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