Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)

„In unseren Klassenzimmern herrscht eine rigide linke Meinungsdiktatur. Programme wie „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ versuchen, unsere Schüler unter dem Deckmantel der Demokratieförderung im Sinne einer globalistischen One-World-Ideologie umzuerziehen.“

Quelle

Sprecher
Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)
Datum
2019-11-21
Quelle
Stenografischer Bericht 7/86 — Beratung Schule muss zur Demokratie erziehen, nicht zu linken Werten - Tendenziöse Bildung nicht hinnehmen Antrag Fraktion AfD - Drs. 7/5227
Fundort
Plenarprotokoll 7/86, TOP 8
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/086stzg.pdf
Beleg-ID
fs-bild-0787

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffVerschwörungserzählungKultur & Identität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Verschwörungserzählung: Beleg für Koordination statt bloßer Gleichzeitigkeit einfordern und eine einfachere Erklärung anbieten — die kausale Lücke füllen, die die Erzählung besetzt. Diffuse ›Drahtzieher‹ durch konkrete, prüfbare Verantwortliche ersetzen. · Gibt es Belege für einen koordinierten Plan — oder nur für Gleichzeitigkeit? Und welche einfachere Erklärung gäbe es? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Kultur & Identität (Argumentationsmuster): Diese Antwort wappnet vorbeugend — sie richtet sich nicht an den Sprecher einer bereits gefallenen Parole, sondern an ein Publikum, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat; deshalb erklärt sie ruhig, statt zu widerlegen, und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stillschweigende Prämisse: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt, es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine unveränderliche Mehrheitskultur. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen, graduell und über Generationen; das ist der historische Normalfall, den auch Deutschland selbst durchlaufen hat. Genau hier setzt eine sokratische Nachfrage an: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt, die Leerstelle offenzulegen, statt sie mit Statistik zu kontern — wer Zahlen gegen das Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits deren Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Zugleich lohnt der Appell an einen konkreten gemeinsamen Wert: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Sozialisation, Nachwende-Umbrüche —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Wo das Bild von »kulturfremden« Menschen fällt, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung, und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, damit schon zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Prämisse die Selbstverständlichkeit, ohne die Tür zuzuschlagen — anders als das Kontern, das auf offene Konfrontation im Moment selbst zielt. · Diese Antwort wirkt im Moment der Konfrontation — anders als das Immunisieren geht es nicht darum, ein Publikum zu wappnen, sondern die Behauptung live zu entlarven; deshalb darf sie schärfer sein, muss aber die Person von der Parole trennen und nicht in Empörung kippen, die der Sprecher als Opferrolle verbuchen würde. Der wirksamste Hebel ist, die Technik zu benennen: Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, formuliert keine Beschreibung, sondern eine Bedingung — offenzulegen, statt über die Dosierung zu diskutieren, wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Prämisse längst akzeptiert; das ist die Falle. Stattdessen lohnt der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man vollständig besitzt oder verliert, sondern ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer als homogen imaginierten Mehrheitsgesellschaft. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe, transportiert aber eine Zugehörigkeitsgrenze — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern Grenzziehung im Gewand der Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als bloße Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, entzieht der Behauptung ihre Tarnung als Tatsachenfeststellung, ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten. · Vorbeugen heißt: Ein Publikum stark machen, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat. Es richtet sich nicht an den, der die Parole schon gesagt hat. Deshalb erklärt dieser Text ruhig, statt zu widerlegen — und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stille Annahme dahinter: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt: Es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine Mehrheitskultur, die sich selbst nie verändert. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen. Langsam, über Generationen. Das ist der normale Fall in der Geschichte — auch Deutschland selbst hat das durchgemacht. Genau hier hilft eine einfache Frage: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt dazu, die Lücke im Argument offenzulegen — statt mit Statistik dagegenzuhalten. Wer Zahlen gegen ein Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits dessen Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Auch ein Appell an einen gemeinsamen Wert lohnt sich: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Zeit, die Umbrüche nach der Wende —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Fällt das Wort »kulturfremden«, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung. Und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, gleich zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Annahme ihre Selbstverständlichkeit — ohne die Tür zuzuschlagen. Das unterscheidet diesen Weg vom Kontern, das auf offenen Widerspruch im Moment selbst zielt. · Kontern wirkt im Moment der Konfrontation. Anders als beim Vorbeugen geht es nicht darum, ein Publikum stark zu machen, sondern die Behauptung sofort zu entlarven. Deshalb darf der Ton schärfer sein — muss aber die Person von der Parole trennen und darf nicht in Empörung kippen. Empörung würde der Sprecher nur als Opferrolle verbuchen. Der stärkste Hebel: die Technik benennen. Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, beschreibt nichts — er stellt eine Bedingung. Das offenzulegen ist wichtiger, als über die Dosierung zu streiten: wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Annahme dahinter schon akzeptiert — das ist die Falle. Besser ist der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man ganz besitzt oder ganz verliert. Sie ist ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft, die sich selbst für einheitlich hält. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe. Tatsächlich zieht er eine Grenze der Zugehörigkeit — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern eine Grenzziehung im Gewand einer Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als reine Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, nimmt der Behauptung ihre Tarnung als Tatsache — ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung koppelt ein reales Schulprogramm gegen Rassismus an ein Verschwörungsvokabular („One-World-Ideologie"), das eine geheime globalistische Umerziehungsagenda unterstellt. So wird aus Demokratieförderung ein Angriff von außen auf „unsere" Klassenzimmer, und die Schule erscheint nicht als Ort der Bildung, sondern als Kampfschauplatz gegen eine imaginierte Weltregierungs-Ideologie.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich nehme ein Programm, das Rassismus entgegenwirken soll, und hänge ihm ein Wort an, das nach Weltverschwörung klingt — „One-World-Ideologie". Damit muss ich nicht mehr sagen, wogegen ich eigentlich bin, denn niemand verteidigt gern eine „Ideologie". Ich brauche keinen Beleg dafür, dass hinter „Schule ohne Rassismus" ein globalistisches Umerziehungsprojekt steckt — das Wort liefert die Unterstellung schon mit. Wer den Begriff aufnimmt, denkt fortan in meinem Bild: nicht mehr Demokratieförderung, sondern fremdgesteuerte Gleichschaltung. Und aus einer Schule, die Vielfalt lehrt, wird bei mir ein Ort, an dem „unsere" Kinder vor einer Weltmacht-Agenda gerettet werden müssen.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt das Vokabular totalitärer Herrschaft (»Diktatur«) auf ein demokratisches Meinungsklima an Schulen und verwandelt so gesellschaftlichen Konsens gegen Rassismus in erzwungene Unterdrückung. Zugleich wird das konkrete Programm »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« durch die Formel »globalistische One-World-Ideologie« an ein diffuses Verschwörungsnarrativ gekoppelt, ohne dass ein Beleg für eine solche Steuerung genannt wird. So erscheint demokratische Erziehungsarbeit als fremdgesteuerte Umerziehung, gegen die Widerstand legitim wirkt.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich nehme das größte Wort, das ich finden kann, für die kleinste Zumutung: eine Anti-Rassismus-AG wird zur »Diktatur«. Wer das hört, denkt sofort an Zensur, Angst, Gleichschaltung — nicht an ein freiwilliges Schulprogramm. Damit die Empörung nicht im luftleeren Raum bleibt, brauche ich einen Drahtzieher, also erfinde ich einen: eine »globalistische One-World-Ideologie«, die angeblich hinter der Demokratieförderung steckt. Ich muss nicht sagen, wer das sein soll oder wie das funktioniert — das Wort allein reicht, um aus Pädagogik eine Verschwörung zu machen. Wer jetzt widerspricht, verteidigt in meiner Erzählung nicht Demokratieerziehung, sondern gibt zu, Teil des Systems zu sein, das die Schüler »umerzieht«. So wird aus einem Programm gegen Rassismus ein Beweis für die Unterdrückung, die ich behaupten wollte.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Satz übersetzt das Bedürfnis, zu wissen, was in der Schule vermittelt wird, in ein Bedrohungsbild — ›Meinungsdiktatur‹ macht aus Mitspracheinteresse den Kampf gegen eine fremde Macht.

Für den, der ihn sagt: Eine ›globalistische One-World-Ideologie‹ hinter einem Antirassismus-Programm zu vermuten, erspart die Auseinandersetzung mit dessen tatsächlichem Inhalt — der Verschwörungsrahmen liefert die Empörung mit, ohne dass Programmtext oder Unterrichtspraxis geprüft werden müssten.

Die Bilanz: Aus der Frage, was konkret im Unterricht vermittelt wird, wird eine unprüfbare Anklage gegen ein imaginiertes globales Kollektiv. Was die Schülerinnen und Schüler tatsächlich lernen, klärt der Satz nicht — er ersetzt die Antwort durch ein Feindbild.

Ausgearbeitete Gegenrede

Das Zitat nennt ein Programm gegen Diskriminierung eine ›Meinungsdiktatur‹ und unterstellt dahinter eine ›globalistischen One-World-Ideologie‹ — ohne dafür auch nur einen Beleg zu nennen. Der Name des Programms sagt schon, worum es geht: Rassismus zurückdrängen, nicht eine Partei-Meinung durchsetzen. Wer Grundwerte wie Menschenwürde und Gleichbehandlung als ›Deckmantel‹ einer fremden Ideologie umdeutet, verschiebt den Streit von der Sache auf eine Verschwörung, die er nicht zeigen kann.

Dass Eltern genau hinschauen wollen, was in der Schule vermittelt wird — das ist ihr gutes Recht. Aber schauen wir uns das Wort ›Meinungsdiktatur‹ an: Es unterstellt, es gäbe nur eine erlaubte Meinung im Klassenzimmer. Tatsächlich üben solche Programme das Aushalten unterschiedlicher Meinungen, nicht das Verbieten. Und ›One-World-Ideologie‹ ist ein Wort ohne Adresse: Wer genau steckt dahinter, welches Ziel wird verfolgt? Die Antwort bleibt der Text schuldig. Wer ein Programm gegen Diskriminierung als ›Deckmantel‹ bezeichnet, muss zeigen, was sich dahinter wirklich verbirgt — sonst bleibt am Ende nur der Verdacht selbst.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

Weitere Fundstellen zum Thema bildung