Belegte Aussage — Christian Mertens (AfD)
„Daher sage ich es einmal so: Beschäftigen Sie sich gern weiterhin mit Ihrem Rechtsextremismus-Tourette, mit Ihrer Antifaschismus-Neurose.“
Quelle
Kodierte sprachliche Mittel
KampfbegriffDelegitimierenSprachkritische Analyse
Die Formulierung überträgt den medizinischen Begriff einer neurologischen Tic-Störung auf ein politisches Engagement und deutet es damit als unwillkürlich-krankhaft statt als begründete Position um. Indem sie Rechtsextremismus-Prävention als »Tourette« und Antifaschismus als »Neurose« bezeichnet, entzieht sie dem Anliegen die Ernsthaftigkeit einer politischen Sachfrage und verlagert die Auseinandersetzung von den Argumenten auf eine unterstellte psychische Abnormität der Gegenseite.
So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):
Ich brauche kein Gegenargument gegen Rechtsextremismus-Prävention, ich brauche nur ein Wort, das sie lächerlich macht. »Tourette« passt perfekt: eine Störung, die man nicht steuern kann, unwillkürlich, peinlich – wer würde sich schon ernsthaft mit einem Tic auseinandersetzen? Indem ich das Engagement pathologisiere, muss ich nicht erklären, warum ich Rechtsextremismus an Schulen nicht für ein Problem halte – ich erkläre stattdessen, warum die anderen ein Problem haben. »Neurose« setzt noch einen drauf: nicht nur der einzelne Ausbruch ist krank, das ganze Engagement ist es, dauerhaft, zwanghaft. So spare ich mir jede inhaltliche Antwort und liefere stattdessen eine Diagnose, gegen die es keine Widerrede gibt – man diskutiert schließlich nicht mit einem Symptom.
Sprachkritische Analyse
Die Formulierung überträgt den Begriff der »Neurose« aus der Psychopathologie auf eine politische Haltung und macht damit aus einem Engagement gegen rechtsextreme Angriffe auf Schulen eine krankhafte Fixierung des Sprechers, nicht der Sache. Sie beantwortet den konkreten Antrag zum Schutz vor rechtsextremen Vorfällen nicht inhaltlich, sondern erklärt die Sorge darüber selbst für irrational — und entwertet damit im selben Zug auch die Vorfälle, auf die der Antrag reagiert. Gepaart mit der parallelen Wendung »Rechtsextremismus-Tourette« entsteht ein Muster: Beide Diagnosen suggerieren einen Zwang, der mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat.
So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):
Ich beantworte nicht die Frage, ob an Schulen etwas passiert ist — ich erkläre die Frage selbst für krank. Eine »Neurose« muss man nicht widerlegen, man muss sie nur benennen, dann behandelt sie sich scheinbar von selbst. Indem ich das Wort aus der Klinik nehme, tausche ich Politik gegen Diagnose: Wer jetzt widerspricht, bestätigt nur das Symptom. Dass es um einen Antrag zum Schutz von Schulen vor rechtsextremen Angriffen geht, um reale Vorfälle also, blende ich vollständig aus — sonst müsste ich mich zur Sache verhalten. Mit dem Pendant »Rechtsextremismus-Tourette« im selben Satz mache ich daraus ein Paar von Zwangsstörungen, links wie rechts, symmetrisch verharmlost. So verschwindet der Unterschied zwischen einem realen Angriff und der Sorge darüber im selben Nebensatz.