Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Jan Wenzel Schmidt (AfD)

„Auch die grüne Jugend zeigt sich volksfeindlich und staatszersetzend.“

Quelle

Sprecher
Jan Wenzel Schmidt (AfD)
Datum
2018-11-22
Quelle
Stenografischer Bericht 7/60 — Erste Beratung Flagge zeigen - Für einen identitätsstiftenden Umgang mit den deutschen Farben Antrag Fraktion AfD - Drs. 7/3594
Fundort
Plenarprotokoll 7/60, TOP 26
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/060stzg.pdf
Beleg-ID
fs-bild-1530 · Absatz aus fs-bild-abs-0246

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffPauschalisieren

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Pauschalisieren: Das ›die‹ auflösen (wer konkret?), die Stichprobe prüfen und Gegenbeispiele benennen — der Schluss vom Einzelnen auf das Wesen einer Gruppe ist der klassische Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. · Auf wie vielen Fällen beruht das — und gilt es für alle oder für Einzelne, die man benennen kann? · argumentationstheoretisch

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt NS- und DDR-belastetes Strafrechtsvokabular auf eine demokratische Jugendorganisation und verschiebt so den Konflikt von einer politischen Meinungsverschiedenheit zu einem Angriff auf die Gemeinschaft selbst. »Volksfeindlich« unterstellt, es gebe ein homogenes »Volk«, dem die Grüne Jugend als Feind gegenübersteht, ohne dass diese Zuschreibung inhaltlich begründet wird. Kombiniert mit »staatszersetzend« pauschalisiert die Aussage eine ganze Organisation als Bedrohung staatlicher Ordnung, statt konkrete Positionen zu benennen und zu widerlegen.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich brauche kein einziges Argument gegen ihre Positionen, wenn ich ihnen erst das Existenzrecht abspreche. »Volksfeindlich« ist ein Wort mit Geschichte — ich sage nicht, wessen Geschichte, aber wer sie kennt, hört den Klang von »Volksverräter« und »volksfeindliche Elemente« mit. So muss ich niemandem erklären, was daran feindlich sein soll: Das Wort urteilt schon, bevor ich einen Satz Begründung liefere. »Staatszersetzend« lege ich gleich noch obendrauf, damit aus einer Meinungsverschiedenheit eine Gefahr für den Staat wird. Wer die Grüne Jugend jetzt noch verteidigt, verteidigt scheinbar Feinde des Volkes und Zersetzer des Staates — nicht eine Jugendorganisation mit anderen Ansichten. Ich muss nur das Etikett kleben, den Rest erledigt das Wort von allein.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt einen historisch belasteten Kriminalisierungsbegriff aus dem DDR-Strafrecht auf eine demokratische Jugendorganisation, ohne dass ihr eine konkrete Handlung oder ein juristischer Tatbestand vorgeworfen wird. Gekoppelt mit »volksfeindlich« pauschalisiert sie die gesamte Organisation zu einem staatsgefährdenden Kollektiv und suggeriert so eine Bedrohung, die keine der beiden Vokabeln belegt, sondern nur behauptet.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich brauche kein Gesetz, keinen Vorwurf, keine einzige nachprüfbare Tat – ich brauche nur ein Wort, das nach Anklage klingt. »Staatszersetzend« hole ich mir aus einem Register, das in diesem Land sonst niemand mehr benutzt, weil es aus der DDR stammt, wo es echte Menschen ins Gefängnis gebracht hat. Genau diese Schwere will ich, ohne die Herkunft zu nennen: Wer mir zuhört, spürt das Strafrechtliche im Klang, ohne zu merken, dass ich keinen einzigen Straftatbestand benenne. Und ich sage nicht »einzelne Mitglieder« oder »manche Äußerungen« – ich sage »die grüne Jugend«, die ganze Organisation, in einem Atemzug mit »volksfeindlich«. So wird aus einer politischen Jugendorganisation, mit der ich inhaltlich nicht einverstanden bin, ein Kollektiv, das den Staat von innen angreift. Wer das nachspricht, braucht keine Belege mehr zu verlangen – das Wort hat die Anklage schon mitgeliefert.

Begriffe in dieser Aussage

Weitere Fundstellen zum Thema bildung