Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Christian Mertens (AfD)

„Sie ist leider ganz folgerichtig das Ergebnis der Kombination aus Akademikerschwemme und linksgrüner politischer Hegemonie im tertiären Bildungssektor.“

Quelle

Sprecher
Christian Mertens (AfD)
Datum
2024-08-22
Quelle
Stenografischer Bericht 8/70 — Tagesordnungspunkt 17
Fundort
Plenarprotokoll 8/70, TOP 17
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/070stzg.pdf
Beleg-ID
fs-bild-1741

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffDesinformationLeistung / Meritokratie (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Desinformation: Nach dem belegten Widerlegungs-Gerüst antworten: den Fakt zuerst und einprägsam, die falsche Behauptung genau einmal nennen, den Trugschluss dahinter erklären, den Fakt wiederholen — mit kausaler Alternative statt bloßem ›stimmt nicht‹. · Stimmt die behauptete Tatsache — was sagen die prüfbaren Quellen, und wie erklärt sich der Vorgang wirklich? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Leistung / Meritokratie (Argumentationsmuster): Dieser Text wappnet vorbeugend, bevor die Rechnung im Gespräch überhaupt aufgemacht wird – deshalb erklärt er den Mechanismus, statt ihn im Moment zu widerlegen, und verzichtet bewusst darauf, die Person mit der Parole gleichzusetzen: Wer das Bild vom mühsam verdienten Brötchen einleuchtend findet, denkt nicht automatisch in Kategorien der AfD, sondern reagiert auf ein Rechenbild, das absichtlich einfach gehalten ist. Genau hier setzt die Erklärung an: Wenn es heißt, »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat«, suggeriert das einen Verlust an einen fremden Dritten – nicht eine gemeinsame Finanzierung von Schulen, Straßen, Polizei, Krankenhäusern, also genau der Infrastruktur, die Menschen, die »morgens um 5 Uhr aufstehen«, überhaupt zur Arbeit kommen lässt. Das ist entlarven in seiner ruhigsten Form: nicht die Person widerlegen, sondern die Technik benennen, mit der ein Bild seine eigene Lücke verschweigt. Wer nachfragt – wie meinen Sie das genau, welche staatlichen Leistungen nutzen Sie selbst? – öffnet die Rechnung, die das Bild künstlich geschlossen hält, und wirkt vorbeugend gerade deshalb gut, weil sie niemanden bloßstellt. Dieselbe Verengung steckt in der »Bringepflicht«: Spracherwerb wird als reine Bringschuld gerahmt, als ob es keine Gegenleistung des Staates gäbe – Kurse, Lehrer, Zugang, ohne die aus einer Pflicht eine Überforderung wird. Wer stattdessen von wechselseitiger Verpflichtung spricht, nimmt der Formel nicht ihre Berechtigung, sondern ihre Einseitigkeit. Das Ziel ist nicht, Leistung kleinzureden, sondern zu zeigen, dass Leistung auf etwas aufbaut, das vorher gemeinsam geschaffen wurde – wer das ausblendet, redet nicht mehr über Fairness, sondern über eine Fiktion von Unabhängigkeit, die niemand tatsächlich lebt. · Dieser Text wirkt im Moment der Konfrontation – deshalb entlarvt er die Rechentechnik direkt, benennt die Lücke vor Publikum und bleibt bei der Aussage, nicht bei der Person, weil Empörung ohne Benennung hier nur die Opferpose füttern würde. Roi rechnet vor: Der Bürger stehe »morgens um 5 Uhr« auf und verdiene sich »ihr halbes Brötchen mühsam«, während »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat« – ein Bild, das so tut, als würde diese Hälfte einfach verschwinden. Genau das ist der Trick: Es wird nicht gesagt, wohin sie geht. Die Gegenfrage liegt offen: Wer bezahlt die Straße, die Schule, die Polizei, die diesen Bürger schützt? Das lässt sich knapp zuspitzen: »Die zweite Brötchenhälfte ist nicht weg – sie kommt als Straße, Schule und Polizei zurück. Nur das wird hier nicht erzählt.« Das Bild lebt davon, dass diese Rückflüsse unsichtbar bleiben; sobald man sie benennt, kippt die Rechnung, und aus der vermeintlichen Enteignung wird wieder eine Umlage, die dem Rechner selbst zugutekommt. Bei der »Bringepflicht« liegt der Trick woanders: Ein Lernprozess, der Zeit, Zugang und gute Angebote braucht, wird zur einseitigen Bringschuld erklärt – als hinge das Gelingen allein am Willen der Lernenden, nie an der Qualität der Kurse. Wer das offenlegt – eine Pflicht ohne Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Verweigerung der Gegenleistung – zeigt, dass der Leistungsbegriff hier nicht Fairness meint, sondern eine Einbahnstraße. Wichtig ist die Grenzziehung: Nicht der Fleiß der Bürger steht infrage, sondern die Behauptung, Gemeinwesen ließen sich auf individuelle Kontoauszüge herunterrechnen – wer das klarstellt, entzieht der Rechnung ihre Kraft, ohne das Publikum gegen sich aufzubringen. · Dieser Text wappnet vorbeugend — bevor die Rechnung im Gespräch überhaupt aufgemacht wird. Deshalb erklärt er den Trick, statt ihn im Moment zu widerlegen. Und er setzt die Person bewusst nicht mit der AfD-Parole gleich: Wer das Bild vom mühsam verdienten Brötchen einleuchtend findet, denkt nicht automatisch in Kategorien der AfD. Er reagiert nur auf ein Rechenbild, das absichtlich einfach gehalten ist. Genau hier setzt die Erklärung an. Wenn es heißt, »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat«, klingt das nach einem Verlust an einen fremden Dritten. Nicht nach einer gemeinsamen Finanzierung von Schulen, Straßen, Polizei, Krankenhäusern — also genau der Infrastruktur, die Menschen, die »morgens um 5 Uhr aufstehen«, überhaupt zur Arbeit kommen lässt. Das ist Entlarven in seiner ruhigsten Form: nicht die Person widerlegen, sondern die Technik benennen, mit der ein Bild seine eigene Lücke verschweigt. Wer nachfragt — Wie meinen Sie das genau? Welche staatlichen Leistungen nutzen Sie selbst? — öffnet die Rechnung, die das Bild künstlich geschlossen hält. Und wirkt gerade deshalb vorbeugend gut, weil niemand bloßgestellt wird. Derselbe Trick steckt in der »Bringepflicht«: Spracherwerb wird als reine Bringschuld dargestellt, so als gäbe es keine Gegenleistung des Staates — Kurse, Lehrer, Zugang. Ohne die wird aus einer Pflicht eine Überforderung. Wer stattdessen von einer gegenseitigen Pflicht spricht, nimmt der Formel nicht ihre Berechtigung, sondern nur ihre Einseitigkeit. Es geht nicht darum, Leistung kleinzureden. Es geht darum zu zeigen: Leistung baut auf etwas auf, das vorher gemeinsam geschaffen wurde. Wer das ausblendet, redet nicht mehr über Fairness — sondern über eine Fiktion von Unabhängigkeit, die niemand wirklich lebt. · Dieser Text wirkt im Moment der Konfrontation — deshalb entlarvt er die Rechentechnik direkt, benennt die Lücke vor Publikum und bleibt bei der Aussage, nicht bei der Person. Empörung ohne Benennung würde hier nur die Opferpose füttern. Roi rechnet vor: Der Bürger stehe »morgens um 5 Uhr« auf und verdiene sich »ihr halbes Brötchen mühsam«, während »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat« — ein Bild, das so tut, als würde diese Hälfte einfach verschwinden. Genau das ist der Trick: Es wird nicht gesagt, wohin sie geht. Die Gegenfrage liegt offen: Wer bezahlt die Straße, die Schule, die Polizei, die diesen Bürger schützt? Kurz gesagt: »Die zweite Brötchenhälfte ist nicht weg – sie kommt als Straße, Schule und Polizei zurück. Nur das wird hier nicht erzählt.« Das Bild lebt davon, dass diese Rückflüsse unsichtbar bleiben. Sobald man sie benennt, kippt die Rechnung — und aus der angeblichen Enteignung wird wieder eine Umlage, die dem Rechner selbst zugutekommt. Bei der »Bringepflicht« liegt der Trick woanders: Ein Lernprozess, der Zeit, Zugang und gute Angebote braucht, wird zur einseitigen Bringschuld erklärt — als hinge das Gelingen allein am Willen der Lernenden, nie an der Qualität der Kurse. Wer das offenlegt — eine Pflicht ohne Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Verweigerung der Gegenleistung — zeigt: Der Leistungsbegriff meint hier keine Fairness, sondern eine Einbahnstraße. Wichtig ist die Grenze: Nicht der Fleiß der Bürger steht infrage. Sondern die Behauptung, ein Gemeinwesen ließe sich auf individuelle Kontoauszüge herunterrechnen. Wer das klarstellt, entzieht der Rechnung ihre Kraft — ohne das Publikum gegen sich aufzubringen.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt ein Bild aus dem Warenmarkt — »Schwemme« für ein unkontrolliertes Überangebot, sonst bei Obst oder anderen Erzeugnissen gebraucht — auf Menschen mit Hochschulabschluss. Damit wird eine schlicht gestiegene Akademikerzahl in eine bedrohliche, unerwünschte Überproduktion umgedeutet, ohne dass ein Argument für diese Wertung geliefert wird. Die Bildungsexpansion erscheint so pauschal als Fehlentwicklung, gekoppelt an die unbelegte Behauptung einer »linksgrünen Hegemonie« im Hochschulwesen als Ursache.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich brauche kein Argument, ich brauche nur ein Bild. »Schwemme« kennt jeder von Obst oder Milch — etwas Überschüssiges, das den Markt verdirbt und weg muss. Übertrage ich das Wort auf Menschen mit Studienabschluss, denke ich das Urteil gleich mit: zu viele, unkontrolliert, keiner braucht sie. Dass mehr Menschen studieren, könnte auch einfach heißen, dass mehr Menschen die Chance dazu bekommen haben — diesen Gedanken lasse ich gar nicht erst zu. Stattdessen hänge ich noch eine zweite Behauptung dran, die ich nicht belegen muss: dass hinter dieser angeblichen Überproduktion eine »linksgrüne Hegemonie« an den Hochschulen steckt. So wird aus einer Statistik ein Verfall, für den schon ein Schuldiger feststeht, bevor irgendjemand nachgefragt hat.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung übernimmt Gramscis Hegemonie-Begriff und wendet ihn gegen seine ursprüngliche Stoßrichtung: statt eine strukturelle Analyse von Deutungsmacht zu leisten, unterstellt sie eine organisierte, umfassende Fremdherrschaft »linksgrüner« Kräfte über den gesamten tertiären Bildungssektor — ohne diese Behauptung durch Belege zu stützen. Indem die angebliche Akademikerschwemme kausal an diese Hegemonie gekoppelt wird, erscheint ein komplexes bildungspolitisches Phänomen als Resultat einer einzigen ideologischen Übermacht, und die eigentliche politische Auseinandersetzung wird in einen Besatzungszustand umgedeutet, gegen den Widerstand naheliegt.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich nehme einen Begriff, der einmal etwas Kompliziertes über kulturelle Deutungsmacht sagen wollte, und drehe ihn um: aus einer Analyse mache ich einen Vorwurf. »Linksgrüne Hegemonie« klingt, als hätte jemand nachgewiesen, dass eine Gruppe systematisch den ganzen Bildungssektor besetzt hält — dabei behaupte ich das nur, ich belege nichts. Das Wort »Hegemonie« erledigt die Beweisarbeit für mich: es suggeriert Organisation, Absicht, Kontrolle, wo in Wahrheit ein diffuses Bündel von Entwicklungen steht. Und weil ich die Akademikerschwemme einfach an diese Hegemonie hänge, wirkt jede unbequeme Zahl im Bildungswesen plötzlich wie der Beweis für meine These, nicht wie ein eigenständiges Problem, über das man reden müsste. Wer mir zuhört, soll nicht mehr über Studienplätze oder Lehrpläne streiten wollen — er soll sich fragen, wer hier eigentlich die Macht hat, und meine Antwort schon im Ohr haben.

Begriffe in dieser Aussage

Weitere Fundstellen zum Thema bildung