Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Christian Hecht (AfD)

„Vielen Dank, Herr Präsident. - Mit unserem Antrag wollen wir ungerechtfertigte Privilegien der Macht abschaffen, um unser Volk aus der Knechtschaft der bunten Pseudodemokraten herauszuführen.“

Quelle

Sprecher
Christian Hecht (AfD)
Datum
2025-05-14
Quelle
Stenografischer Bericht 8/89 — Beratung Erste Beratung Tierschutz in der Nutztierhaltung durchsetzen - Schmerzen bei Tieren erfassen und ihre Ursachen beseitigen Meinungsfreiheit ertragen - § 188 StGB streichen Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/5387
Fundort
Plenarprotokoll 8/89, TOP 25
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/089stzg.pdf
Beleg-ID
fs-demo-abs-0100

Kodierte sprachliche Mittel

Dramatisieren / DammbruchKampfbegriffVolkswille / Mehrheit als Mandat (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Dramatisieren / Dammbruch: Die behauptete Kette Schritt für Schritt prüfen und die Gegenkräfte benennen, die sie stoppen — den Katastrophen-Rahmen dabei nicht nacherzählen, sondern nüchtern verkleinern. · Führt wirklich jeder Schritt zwingend zum nächsten — und welche Kräfte würden die Kette längst stoppen? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Volkswille / Mehrheit als Mandat (Argumentationsmuster): Immunisieren heißt hier: einem unentschlossenen Publikum vorab zeigen, wie die Berufung auf den Volkswillen funktioniert, bevor sie im Gespräch auftaucht — deshalb bleibt der Ton erklärend, nicht entlarvend, und es geht nicht darum, die einzelne sprechende Person bloßzustellen, sondern die Konstruktion durchsichtig zu machen. Wenn Dr. Hans-Thomas Tillschneider mit 38 % Wählerstimmen argumentiert, »wir für die Mehrheit der Bürger sprechen«, und daraus »eine Mehrheit der Bürger in Sachsen-Anhalt« ableitet, springt der Satz über eine einfache Rechnung: 38 % sind eine starke Minderheit, keine Mehrheit, und selbst ein Umfragewert zum »meisten politischen Handlungsbedarf« bildet nur eine Momentaufnahme ab, keinen einhelligen Volkswillen. Genau hier setzt die Nachfrage an, die man selbst mitbringen kann — die Antwortstrategie des sokratischen Nachfragens: Wie wurde die Mehrheit gemessen, wer wurde gefragt, was genau war die Frage? Sie zwingt nicht zur Konfrontation, sondern lässt die Lücke sichtbar werden, ohne dass jemand bloßgestellt wird. Ergänzend hilft die schlichte Faktenkorrektur: 38 Prozent beim Namen nennen, bevor daraus eine Mehrheit wird. Wichtig ist dabei, die Person nicht mit der Parole gleichzusetzen: Wer im Alltag von einer schweigenden Mehrheit spricht, wiederholt oft nur ein gehörtes Muster, ist aber nicht automatisch von der Partei durchdrungen — wer das unterstellt, verhärtet eher, als dass er überzeugt. Stattdessen hilft ein konkreter Perspektivwechsel: Mehrheiten sind nicht statisch, sie ändern sich mit der Frage, dem Zeitpunkt, dem Wissen der Befragten — und Demokratie bemisst sich nicht an der letzten Umfrage, sondern an Verfahren, die auch Minderheiten schützen. Das nimmt der Berufung auf den Volkswillen die Selbstverständlichkeit, ohne den Gesprächspartner in eine Ecke zu drängen. · Kontern heißt hier: im Moment der Konfrontation offenlegen, dass eine Behauptung als Faktum ausgegeben wird, die keines ist — der Ton darf direkter sein als beim Immunisieren, weil es jetzt darum geht, die Technik vor Publikum sichtbar zu machen, nicht darum, langfristig zu überzeugen. Die stärkste Antwort ist die Antwortstrategie des Entlarvens: die Technik selbst benennen, statt über den vermeintlichen Mehrheitswillen inhaltlich zu streiten. Wer sagt »Wir sprechen aus, was die Menschen in diesem Land denken«, wie Ulrich Siegmund es formuliert, oder aus 38 % Wählerstimmen eine Mehrheit der Bürger konstruiert, wie Tillschneider, beansprucht eine Legitimation, die er nicht hat — das ist keine Meinungsäußerung, das ist eine Stellvertreterbehauptung: »Sie sprechen nicht für alle, Sie sprechen für sich und Ihre Wähler, und das sind nicht dieselbe Menge.« Der Widerspruch liegt offen: Wer wirklich eine Mehrheit hätte, bräuchte die Behauptung nicht, das Ergebnis spräche für sich; dass sie trotzdem ausgesprochen wird, verrät, dass sie eine fehlende Mehrheit ersetzen soll. Zwei Fallen lauern dabei. Wer beginnt, mit eigenen Umfragezahlen gegenzurechnen, übernimmt die Prämisse, dass Politik sich an der jeweils aktuellsten Zahl auszurichten habe, und verliert den eigentlichen Punkt — dass repräsentative Demokratie bewusst nicht basisdemokratisch funktioniert. Und wer sich in Empörung über die Anmaßung erschöpft, liefert der Selbstinszenierung als unterdrückte Mehrheit erst die Kränkung, aus der sie lebt. Wirksamer ist der knappe, sachliche Satz, der die Anmaßung beim Namen nennt und die Bühne nicht dem Gegenüber überlässt: Nicht die Mehrheit hat hier gesprochen, sondern jemand hat sich zu ihrem Sprecher ernannt. · Vorbeugen heißt hier: einem noch unentschlossenen Publikum zeigen, wie die Berufung auf den Volkswillen funktioniert — bevor sie im Gespräch auftaucht. Deshalb bleibt der Ton erklärend, nicht entlarvend. Es geht nicht darum, eine einzelne Person bloßzustellen, sondern den Trick sichtbar zu machen. Wenn Dr. Hans-Thomas Tillschneider mit 38 Prozent Wählerstimmen argumentiert, »wir für die Mehrheit der Bürger sprechen«, und daraus »eine Mehrheit der Bürger in Sachsen-Anhalt« macht, überspringt der Satz eine einfache Rechnung: 38 Prozent sind eine starke Minderheit, keine Mehrheit. Und selbst ein Umfragewert zum »meisten politischen Handlungsbedarf« zeigt nur eine Momentaufnahme — keinen einhelligen Volkswillen. Genau hier hilft eine Nachfrage, die man selbst mitbringen kann: Wie wurde die Mehrheit gemessen? Wer wurde gefragt? Was genau war die Frage? Solche Fragen zwingen niemanden in die Enge. Sie machen nur die Lücke sichtbar, ohne jemanden bloßzustellen. Zusätzlich hilft die schlichte Faktenkorrektur: 38 Prozent beim Namen nennen, bevor daraus eine Mehrheit wird. Wichtig dabei: die Person nicht mit der Parole gleichsetzen. Wer im Alltag von einer schweigenden Mehrheit spricht, wiederholt oft nur ein gehörtes Muster — das heißt nicht automatisch, dass er von der Partei überzeugt ist. Wer das trotzdem unterstellt, verhärtet eher, als dass er überzeugt. Besser hilft ein Perspektivwechsel: Mehrheiten sind nicht starr. Sie ändern sich mit der Frage, dem Zeitpunkt, dem Wissen der Befragten. Und Demokratie bemisst sich nicht an der letzten Umfrage — sondern an Verfahren, die auch Minderheiten schützen. Das nimmt der Berufung auf den Volkswillen die Selbstverständlichkeit, ohne das Gegenüber in eine Ecke zu drängen. · Kontern heißt hier: im Moment des Gesprächs offenlegen, dass eine Behauptung als Tatsache verkauft wird, die keine ist. Der Ton darf direkter sein als beim Vorbeugen — denn jetzt geht es darum, den Trick vor Publikum sichtbar zu machen, nicht darum, langfristig zu überzeugen. Am stärksten wirkt: die Technik selbst benennen, statt über den angeblichen Mehrheitswillen inhaltlich zu streiten. Wer sagt »Wir sprechen aus, was die Menschen in diesem Land denken«, wie Ulrich Siegmund es formuliert, oder aus 38 Prozent Wählerstimmen eine Mehrheit der Bürger macht, wie Tillschneider — beansprucht eine Legitimation, die er nicht hat. Das ist keine Meinungsäußerung. Das ist eine Stellvertreterbehauptung: »Sie sprechen nicht für alle, Sie sprechen für sich und Ihre Wähler, und das sind nicht dieselbe Menge.« Der Widerspruch liegt offen zutage: Wer wirklich eine Mehrheit hätte, bräuchte die Behauptung nicht — das Ergebnis spräche für sich. Dass sie trotzdem ausgesprochen wird, verrät: Sie soll eine fehlende Mehrheit ersetzen. Zwei Fallen lauern dabei. Erste Falle: Wer mit eigenen Umfragezahlen gegenrechnet, übernimmt die stille Voraussetzung, dass Politik sich an der jeweils neuesten Zahl ausrichten müsse — und verliert den eigentlichen Punkt: Eine repräsentative Demokratie funktioniert bewusst nicht basisdemokratisch. Zweite Falle: Wer sich nur über die Anmaßung empört, liefert der Selbstinszenierung als unterdrückte Mehrheit erst die Kränkung, von der sie lebt. Wirksamer ist ein kurzer, sachlicher Satz, der die Anmaßung beim Namen nennt und dem Gegenüber die Bühne nicht überlässt: Nicht die Mehrheit hat hier gesprochen. Jemand hat sich zu ihrem Sprecher ernannt.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung nennt gewählte Abgeordnete anderer Fraktionen »Pseudodemokraten« und spricht ihnen damit pauschal demokratische Legitimität ab, ohne einen einzigen konkreten Vorwurf zu benennen. Zugleich verengt sie mit »unser Volk« die Zugehörigkeit zum Volk auf die eigene Anhängerschaft und blendet aus, dass auch die Wählerinnen und Wähler der anderen Parteien Teil desselben Volkes sind. Das Bild der »Knechtschaft« überträgt die Sprache der Unterdrückung auf ganz gewöhnliche parlamentarische Mehrheitsverhältnisse.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich nenne die anderen einfach Pseudodemokraten, dann muss ich mich mit ihren Argumenten gar nicht mehr auseinandersetzen. Wer schon im Namen kein echter Demokrat mehr ist, den muss ich nicht widerlegen, den kann ich nur noch bekämpfen. Mit »Knechtschaft« hole ich die große Keule raus – dann klingt jede normale Parlamentsarbeit gegen mich wie eine Unterdrückung, die man abschütteln muss. Und wenn ich von »unserem Volk« rede, meine ich natürlich nicht alle, die hier leben und wählen – ich meine nur die, die mir zustimmen. So wird aus einer Minderheit im Landtag ganz leicht das ganze, unterdrückte Volk, und aus meiner Fraktion dessen einzig legitime Stimme.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Ärger über Privilegien wird geadelt zum Befreiungskampf – wer sich über Diäten und Pensionen ärgert, befreit nicht nur sich, sondern gleich ›unser Volk‹ aus einer ›Knechtschaft‹.

Für den, der ihn sagt: Das Wort ›Pseudodemokraten‹ erspart jede Einzelprüfung – andere Parteien sind schon durch die Bezeichnung erledigt, ein Beleg für einen einzigen Verstoß wird nie fällig.

Die Bilanz: Wer den Satz übernimmt, tauscht die sachliche Prüfung von Privilegien gegen ein Zugehörigkeitsgefühl – man gehört ›zum Volk‹ oder nicht. Ob und wie sich an Diäten oder Pensionen wirklich etwas ändert, bleibt so offen wie zuvor.

Ausgearbeitete Gegenrede

Getrennt davon steht die Frage, wer hier eigentlich wen aus welcher »Knechtschaft« befreien will. Das Wort »Pseudodemokraten« erklärt gewählte Abgeordnete anderer Parteien pauschal zu Nicht-Demokraten – ohne einen einzigen konkreten Verstoß zu nennen. Und wer von »unser Volk« spricht, tut so, als gehörten die Wählerinnen und Wähler der anderen Parteien nicht dazu. Das ist keine Kritik an Privilegien mehr, das ist eine Grenze zwischen echten und falschen Bürgern – gezogen von einem selbst.

Dass man wütend wird über »ungerechtfertigte Privilegien der Macht«, ist nachvollziehbar. Aber schauen Sie sich das Wort ›Pseudodemokraten‹ genau an: Es nennt gewählte Abgeordnete keine echten Demokraten, ohne zu sagen, was die konkret falsch gemacht haben. Wer das schreibt, sitzt selbst im Parlament – dank derselben Wahl, die er den anderen abspricht. ›Knechtschaft‹ ist zudem ein großes Wort für parlamentarische Opposition: Wer im Landtag mitregiert, ist nicht versklavt. Am Ende bleibt eine einfache Frage: Wenn »unser Volk« nur die eigenen Wähler meint – wer sind dann die Millionen, die anders gewählt haben?

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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