Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Ulrich Siegmund (AfD)

„Wir haben keine erneuerbaren Energien. Wir haben einen Zufallsstrom. Dazu hat der Kollege richtig ausgeführt: Wir haben dann Strom, wenn die Sonne scheint und der Wind weht; wenn nachts der Wind nicht weht, haben wir keine Energie.“

Quelle

Sprecher
Ulrich Siegmund (AfD)
Datum
2023-10-13
Quelle
Stenografischer Bericht 8/50 — Aktuelle Debatte Wettbewerbsfähige Strompreise sichern - Industriestrompreis einführen Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/3224
Fundort
Plenarprotokoll 8/50, TOP 26
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/050stzg.pdf
Beleg-ID
fs-ener-0565 · Absatz aus fs-ener-abs-0098

Kodierte sprachliche Mittel

DesinformationRealität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Desinformation: Nach dem belegten Widerlegungs-Gerüst antworten: den Fakt zuerst und einprägsam, die falsche Behauptung genau einmal nennen, den Trugschluss dahinter erklären, den Fakt wiederholen — mit kausaler Alternative statt bloßem ›stimmt nicht‹. · Stimmt die behauptete Tatsache — was sagen die prüfbaren Quellen, und wie erklärt sich der Vorgang wirklich? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Realität (Argumentationsmuster): Vorbeugend gegen dieses Muster zu wappnen heißt nicht, einem Redner zu widersprechen, sondern ein Publikum mit einem Prüfwerkzeug auszustatten, bevor die nächste Realitäts-Beschwörung fällt — erklärend, ohne jemanden bloßzustellen, und vor allem: ohne die Alltagswahrnehmung der Zuhörer anzugreifen. Das ist die entscheidende Falle. Wer erklärt, die Sorgen seien bloß eingebildet, bestätigt das Muster — er liefert live den Beweis, dass die da oben die Erfahrung der Leute abtun. Ernst nehmen und prüfen sind aber zweierlei: Eine Wahrnehmung kann echt sein und trotzdem kein Maßstab für ein Landesgesetz. Die Immunisierung setzt beim Auswahlprinzip an. Auffällig ist nicht, dass sich jemand auf die Wirklichkeit beruft, sondern wann: Gilt die Statistik, wenn sie passt, und ist sie geschönt, wenn sie stört? Wo aus amtlichen Zahlen der Vorwurf wird, die Bürger hätten sich »gefälligst sicher zu fühlen«, ist die Statistik nicht widerlegt, sondern zum Feind erklärt. Die Nachfrage dazu lässt sich freundlich stellen: Woran erkennen wir gemeinsam, welche Wirklichkeit stimmt — was müsste passieren, damit die Behauptung als widerlegt gilt? Wer darauf keine Antwort hat, beruft sich nicht auf die Realität, sondern auf sein Recht, sie zu bestimmen. Hilfreich ist schließlich der Hinweis auf die Immunisierungs-Geste: Wenn jeder Widerspruch schon als Realitätsverweigerung gilt, kann das Argument gar nicht mehr verlieren — und ein Argument, das nicht verlieren kann, hat aufgehört, eines zu sein. Immunisieren heißt, dem Publikum den Unterschied einzuprägen zwischen einer Wirklichkeit, die man prüfen kann, und einer, die man nur noch glauben soll. · Der Konter im Moment der Konfrontation hat ein anderes Ziel als das vorbeugende Erklären: Eine konkrete Realitäts-Behauptung steht im Raum und muss vor Publikum geprüft werden, ehe sie sich als das Selbstverständliche festsetzt — direkter, an der Aussage, nicht am Muster. Die erste Regel: den Boden nicht betreten, auf dem nur noch Gefühl gegen Gefühl steht. Wer der beschworenen Wirklichkeit bloß die eigene entgegenhält, hat die Prämisse übernommen, dass Beschwören genügt. Stärker ist, die Geste zu benennen: »Sie sagen offenkundig und wie allen bekannt — das sind Formeln, die einen Beleg ersetzen sollen. Welche Zahl, welche Quelle, welcher Fall?« Wo die Statistik pauschal als geschönt abgetan wird, lohnt der Blick auf die Rosinen-Auswahl: Dieselbe Rede, die amtliche Zahlen verwirft, zitiert sie im nächsten Satz, wenn sie passen — diese Unstimmigkeit vor Publikum sichtbar zu machen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Behauptet jemand schlicht Falsches — wie einen Krieg, der »seit Anfang Januar beendet« sei —, genügt die knappe Richtigstellung mit Quelle, ohne Triumph: Empörung würde nur die Erzählung nähren, das Establishment wolle die Wahrheit unterdrücken. Und gegen die Dauer-Immunisierung hilft ein Satz, der die Falle selbst ausspricht: »Wenn jeder Widerspruch Realitätsverweigerung ist, kann Ihre These nie falsch sein — nach welchem Kriterium prüfen wir sie dann?« Der Konter sitzt, wenn das Publikum gesehen hat: Hier wurde Wirklichkeit nicht gezeigt, sondern besetzt. · Wer vorbeugen will, will nicht einem Redner widersprechen. Er will Zuhörern ein Prüfwerkzeug geben, bevor die nächste Realitäts-Beschwörung fällt. Deshalb: erklären, niemanden vorführen — und vor allem die Alltagserfahrung der Menschen nicht angreifen. Das ist die größte Falle. Wer sagt, die Sorgen seien nur eingebildet, beweist live den Vorwurf: Die da oben tun die Erfahrung der Leute ab. Ernst nehmen und prüfen sind aber zwei verschiedene Dinge. Eine Wahrnehmung kann echt sein — und trotzdem kein Maßstab für ein Gesetz. Der Kern der Vorbeugung ist eine einfache Frage. Nicht: Beruft sich da jemand auf die Wirklichkeit? Sondern: Wann tut er es? Gilt die Statistik, wenn sie passt? Und ist sie geschönt, wenn sie stört? Wo aus amtlichen Zahlen der Vorwurf wird, die Bürger hätten sich »gefälligst sicher zu fühlen«, da wird die Statistik nicht widerlegt. Sie wird zum Feind erklärt. Dazu passt eine freundliche Nachfrage: Woran erkennen wir gemeinsam, welche Wirklichkeit stimmt? Was müsste passieren, damit die Behauptung als widerlegt gilt? Wer darauf keine Antwort hat, beruft sich nicht auf die Realität. Er beansprucht das Recht, sie festzulegen. Ein letzter Hinweis hilft: Wenn jeder Widerspruch als Realitätsverweigerung gilt, kann das Argument nie verlieren. Und ein Argument, das nie verlieren kann, ist keines mehr. Vorbeugen heißt: den Unterschied einprägen zwischen einer Wirklichkeit, die man prüfen kann, und einer, die man nur glauben soll. · Im direkten Streit ist das Ziel ein anderes. Eine konkrete Behauptung steht im Raum. Sie muss vor Publikum geprüft werden, bevor sie als selbstverständlich durchgeht — direkt und an der Aussage. Die erste Regel: nicht Gefühl gegen Gefühl setzen. Wer der beschworenen Wirklichkeit nur die eigene entgegenhält, hat schon verloren. Er akzeptiert die stille Annahme, dass Beschwören genügt. Stärker ist, die Geste zu benennen: »Sie sagen offenkundig und wie allen bekannt — das sind Formeln, die einen Beleg ersetzen sollen. Welche Zahl, welche Quelle, welcher Fall?« Werden amtliche Zahlen pauschal als geschönt abgetan, hilft der Blick auf die Rosinen-Auswahl. Dieselbe Rede verwirft die Statistik — und zitiert sie im nächsten Satz, wenn sie passt. Diesen Widerspruch sichtbar zu machen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Ist eine Behauptung schlicht falsch — etwa ein Krieg, der »seit Anfang Januar beendet« sei —, reicht die knappe Richtigstellung mit Quelle. Ohne Triumph. Empörung nährt nur die Erzählung, das Establishment wolle die Wahrheit unterdrücken. Und gegen die Dauer-Abwehr hilft ein Satz, der die Falle selbst ausspricht: »Wenn jeder Widerspruch Realitätsverweigerung ist, kann Ihre These nie falsch sein — nach welchem Kriterium prüfen wir sie dann?« Der Konter sitzt, wenn das Publikum gesehen hat: Hier wurde Wirklichkeit nicht gezeigt. Hier wurde sie besetzt.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung ersetzt den etablierten Begriff »erneuerbare Energien« durch »Zufallsstrom« und rückt damit Wind und Sonne begrifflich in die Nähe von Willkür statt von Systematik. Verschwiegen wird, dass Erzeugung aus Wind und Sonne meteorologisch prognostizierbar ist und über Netzverbund, Speicher und Reservekapazitäten ausgeglichen wird — die Formulierung tut so, als bestünde das Energiesystem nur aus der einzelnen Anlage vor Ort.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich tausche ein Wort, und mit dem Wort tausche ich die ganze Vorstellung. »Erneuerbar« klingt nach Ordnung, nach etwas, das man planen kann — »Zufall« klingt nach Chaos, nach etwas, dem man ausgeliefert ist. Dass ein europäisches Verbundnetz genau dafür gebaut ist, Erzeugungsschwankungen auszugleichen, dass es Prognosen, Speicher und Reservekraftwerke gibt — das erwähne ich nicht, weil es mein Bild sofort entkräften würde. Ich rede so, als stünde die einzelne Windkraftanlage allein auf freiem Feld und müsste den ganzen Bedarf tragen. Wer mir zuhört, soll am Ende denken: ohne Sonne und Wind sitzen wir im Dunkeln — nicht: das System ist genau für diesen Fall gebaut.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Die Angst vor dem Stromausfall an einem windstillen Abend bekommt einen Namen ohne Trost: nicht planbar, sondern ›Zufall‹ — das mulmige Gefühl wird zur technischen Tatsache erklärt.

Für den, der ihn sagt: Das Wort ›Zufallsstrom‹ erspart die Erklärung, dass Wetterabhängigkeit vorhersagbar ist — Zustimmung kommt für die Zuspitzung, nicht für eine Erklärung der Absicherung.

Die Bilanz: Wer ›Zufallsstrom‹ übernimmt, verliert den Ansprechpartner für die eigene Sorge: Netzausbau und Wetterprognose wirken nur noch wie Kosmetik am puren Zufall, nicht mehr wie etwas, das man einfordern kann. Das entzogene Vertrauen fällt dem zu, der vor der Energiewende insgesamt warnt — ob am windstillen Abend wirklich das Licht ausgeht, bleibt so ungeklärt wie vorher.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz widerspricht sich selbst: Erst wird behauptet, es gebe ›keine erneuerbaren Energien‹, gleich danach wird beschrieben, wie sie Strom liefern — ›wenn die Sonne scheint und der Wind weht‹. Aus einem wetterabhängigen, aber vorhersagbaren Muster macht das Wort ›Zufallsstrom‹ pures Glücksspiel. Belegt wird das nicht — die Zuspitzung ersetzt die Erklärung.

Dass man sich sorgt, wenn abends kein Wind weht — das ist verständlich, das kennt jeder. Aber lesen Sie den Satz noch einmal: Erst heißt es, es gebe ›keine erneuerbaren Energien‹. Dann steht da genau, wie sie funktionieren — ›wenn die Sonne scheint und der Wind weht‹, gibt es Strom. Das ist kein Zufall, das ist ein Muster, das man mit Wetterbericht und Netzplanung längst kennt. Wer daraus ›Zufallsstrom‹ macht, tauscht Berechenbarkeit gegen Angst — ohne dafür auch nur einen Beleg zu liefern. Ist Wind wirklich Zufall, oder nur unbequem zu steuern?

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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