Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Jan Scharfenort (AfD)

„DIE LINKE ist auch für die Verspargelung und das Zupflastern der Flächen mit Fotovoltaikanlagen.“

Quelle

Sprecher
Jan Scharfenort (AfD)
Datum
2023-09-07
Quelle
Stenografischer Bericht 8/47 — Beratung a) Anpassung an die Klimakrise - Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz. Soziale Einrichtungen vorbereiten auf die kommenden Extremtemperaturen Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/3027 Alternativantrag Fraktionen CDU, SPD, FDP - Drs. 8/3091 b) Sonderförderprogramm „Kommunale Trinkbrunnen“ Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 8/3054 Alternativantrag Fraktionen CDU, SPD, FDP - Drs. 8/3092
Fundort
Plenarprotokoll 8/47, TOP 25
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/047stzg.pdf
Beleg-ID
fs-ener-0909 · Absatz aus fs-ener-abs-0341

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffNatürlichkeit (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Natürlichkeit (Argumentationsmuster): Die vorbeugende Gegenrede hat hier ein bescheidenes, aber wirksames Ziel: dem Publikum ein Ohr für das Wort natürlich einzupflanzen, bevor es als Argument durchgeht — erklärend und ohne die Person anzugreifen, denn anders als beim Konter steht keine einzelne Aussage zur Prüfung, sondern eine Denkgewohnheit. Zwei Fragen genügen als Ausstattung. Die erste: Ist das wirklich Natur — oder Gewohnheit? Vieles, was als ewige Ordnung auftritt, hat ein Geburtsdatum; wer es benennt, macht aus der Natur eine historische Entscheidung, über die sich neu entscheiden lässt. Wenn das Regierungsprogramm einer Schulsport-Reform vorhält, durch sie »werden die Kinder dem Leistungsgedanken entfremdet«, lässt sich ruhig fragen, seit wann diese Nähe denn besteht und wer sie gestiftet hat — die Frage erledigt das Pathos, ohne zu streiten. Die zweite: Selbst wenn etwas natürlich wäre — folgt daraus, dass es gut ist? Krankheit ist natürlich, Impfung nicht; niemand zieht daraus die Regel, das Natürliche sei vorzuziehen. Wer beide Fragen im Kopf hat, erkennt auch die Doppelverwendung des Musters: Mal gebietet die Natur den Eingriff, mal verbietet sie ihn — je nachdem, was gerade gefordert wird. Wichtig bleibt der Ton: Menschen, die von natürlichen Ordnungen sprechen, verteidigen oft ehrlich Vertrautes gegen das Tempo der Veränderung; sie sind nicht das Muster, das sie zitieren. Immunisieren heißt, die Beweislast zurückzuschieben: Die Natur hat nichts gefordert — gefordert hat ein Mensch, und der schuldet Gründe. · Im direkten Schlagabtausch verschiebt sich das Ziel: Nicht eine Denkgewohnheit soll vorbeugend geimpft, sondern eine konkrete Natur-Behauptung vor Publikum geöffnet werden — schnell, an der vorliegenden Aussage, ohne Seminarton. Die verlockendste Antwort ist zugleich die schwächste: der lange Gegenbeweis aus der Naturgeschichte. Wer ausführt, wie vielfältig Familienformen oder Erziehungsideale historisch waren, mag recht haben — aber er streitet auf dem Feld, das der andere gewählt hat, und übernimmt dessen Prämisse, die Naturfrage entscheide die Sache. Stärker ist, den Kurzschluss selbst zu treffen: »Selbst wenn das so natürlich wäre, wie Sie sagen — warum wäre es deshalb richtig? Krankheiten sind auch natürlich.« Dieser eine Satz passt in jede Redezeit. Dazu die Nachfrage, die das Etikett öffnet: Woher wissen Sie, dass das Natur ist und nicht bloß Gewohnheit? Wenn eine Programmforderung beklagt, Kinder würden »dem Leistungsgedanken entfremdet«, genügt die Rückfrage, ob es eine angeborene Bindung an Schulnoten gibt. Und wo das Muster in seine zweite Gestalt wechselt — man könne ohnehin nichts ändern —, hilft das Spiegeln der Doppelrolle: Eben noch gebot die Natur zu handeln, jetzt verbietet sie es; beides zusammen geht nicht. Die Falle, die es zu meiden gilt, ist die Eskalation ins Weltanschauliche: Wer den Streit über eine einzelne Behauptung zur Generaldebatte über Biologie macht, verliert das Publikum. Der Konter sitzt, wenn ein einziger Satz hängen bleibt: Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll. · Die vorbeugende Gegenrede hat hier ein einfaches Ziel: ein Ohr wecken für das Wort natürlich, bevor es als Argument durchgeht. Erklärend, ohne Angriff — denn anders als im Schlagabtausch steht keine einzelne Aussage zur Prüfung, sondern eine Denkgewohnheit. Zwei Fragen reichen als Ausstattung. Erste Frage: Ist das wirklich Natur — oder nur Gewohnheit? Vieles, was als ewige Ordnung auftritt, hat ein Geburtsdatum. Wer das Datum nennt, macht aus der Natur eine Entscheidung. Und über Entscheidungen kann man neu entscheiden. Wenn das Regierungsprogramm einer Schulsport-Reform vorhält, durch sie »werden die Kinder dem Leistungsgedanken entfremdet«, hilft die ruhige Frage: Seit wann besteht diese Nähe? Wer hat sie gestiftet? Die Frage erledigt das Pathos, ohne zu streiten. Zweite Frage: Selbst wenn etwas natürlich wäre — wäre es deshalb gut? Krankheit ist natürlich. Impfung nicht. Niemand folgert daraus, das Natürliche sei vorzuziehen. Wer beide Fragen im Kopf hat, durchschaut auch den doppelten Gebrauch des Musters: Mal gebietet die Natur den Eingriff, mal verbietet sie ihn — je nach Bedarf. Wichtig bleibt der Ton. Viele, die von natürlicher Ordnung sprechen, verteidigen ehrlich Vertrautes gegen zu schnellen Wandel. Sie sind nicht der Trick, den sie wiederholen. Vorbeugen heißt: die Beweislast zurückgeben. Die Natur hat nichts gefordert. Gefordert hat ein Mensch — und der schuldet Gründe. · Im direkten Schlagabtausch geht es schneller zu. Eine konkrete Natur-Behauptung steht im Raum und soll vor Publikum geöffnet werden — an der Aussage, ohne Vortrag. Die verlockendste Antwort ist die schwächste: der lange Gegenbeweis aus der Geschichte. Wer ausführlich erklärt, wie unterschiedlich Familien oder Erziehung früher waren, mag recht haben. Aber er streitet auf dem Feld des anderen — und akzeptiert dessen stille Annahme, die Naturfrage entscheide die Sache. Stärker ist, den Kurzschluss selbst zu treffen: »Selbst wenn das so natürlich wäre, wie Sie sagen — warum wäre es deshalb richtig? Krankheiten sind auch natürlich.« Dieser eine Satz passt in jede Redezeit. Dazu die Frage, die das Etikett öffnet: Woher wissen Sie, dass das Natur ist — und nicht bloß Gewohnheit? Wenn eine Programmforderung beklagt, Kinder würden »dem Leistungsgedanken entfremdet«, reicht die Rückfrage: Gibt es eine angeborene Bindung an Schulnoten? Wechselt das Muster die Richtung — man könne ja ohnehin nichts ändern —, hilft das Spiegeln der Doppelrolle: Eben noch gebot die Natur zu handeln. Jetzt verbietet sie es. Beides zusammen geht nicht. Eine Falle noch: der Streit ums große Weltbild. Wer aus einer einzelnen Behauptung eine Grundsatzdebatte über Biologie macht, verliert das Publikum. Am Ende soll ein Satz hängen bleiben: Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung ersetzt die technische Sachfrage nach Standortplanung durch eine Gemüse-Metapher, die Windkraftanlagen als organisch fremden, die Landschaft „verunstaltenden" Befall zeichnet. Der Begriff transportiert ein ästhetisches Verdikt als scheinbar selbstverständliche Tatsachenbeschreibung, ohne dass Abstand, Anzahl oder Standort der Anlagen benannt werden müssten. Durch die Kopplung mit „Zupflastern" bei Fotovoltaik wird ein durchgängiges Bild von Landschaft als etwas, das durch erneuerbare Energien beschädigt statt genutzt wird, gegen politische Gegner (hier: DIE LINKE) in Stellung gebracht.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage nicht „Windkraftanlagen", ich sage „Verspargelung" — ein Wort, das schon urteilt, bevor irgendjemand über Abstandsregeln oder Landschaftsbild diskutiert hat. Spargel ist ein Fremdkörper im Boden, dünn, reihenweise aus der Erde gestochen — genau das Bild will ich, ein Wuchern, keine geplante Infrastruktur. Wer den Begriff übernimmt, hat mein Urteil schon gefällt, ohne dass ich ein einziges Argument über Energieversorgung liefern musste. Ich hänge „Zupflastern" für die Fotovoltaik gleich hintendran, damit aus einem Einzelfall ein Gesamtbild wird: alles, was die anderen bauen, verschandelt. Und weil ich das der Linken anlaste, wird aus einer energiepolitischen Sachfrage ein Vorwurf der Rücksichtslosigkeit gegenüber der Heimat — ohne dass ich das Wort „Heimat" auch nur einmal benutzen muss.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt das Bauwortfeld »pflastern« auf Photovoltaik-Module und suggeriert damit Flächenversiegelung im Sinne einer dauerhaften Bodenzerstörung. Verschwiegen bleibt, dass es sich um eine technische, reversible Nutzung landwirtschaftlicher Flächen handelt — die Anlagen lassen sich zurückbauen, der Boden bleibt im Kern erhalten. Gepaart mit »Verspargelung« im selben Satz entsteht ein Bild doppelter Landschaftsverschandelung, das die energiepolitische Sachfrage durch ein ästhetisch-ökologisches Verdikt ersetzt.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich hole mir ein Wort aus der Baustelle, nicht aus dem Energierecht: »pflastern« kennt jeder als das, was man mit Beton und Steinen macht — endgültig, versiegelnd, tot. Genau dieses Bild lege ich über Solarmodule, die man in zwanzig Jahren wieder abbauen kann und unter denen weiter Gras wächst. Dass ich das verschweige, macht die Pointe erst scharf: Wer mir widerspricht, muss jetzt erklären, warum Versiegelung angeblich keine Versiegelung ist — ein Kampf, den ich schon gewonnen habe, bevor er beginnt. Ich setze das Wort direkt neben »Verspargelung«, damit der Eindruck sich verdoppelt: hier wird die Landschaft gleich zweifach verschandelt, einmal von oben, einmal am Boden. Über Flächenkonkurrenz, Netzentgelte oder Klimaziele muss ich dann kein Wort mehr verlieren — das Bild hat die Debatte schon entschieden.

Begriffe in dieser Aussage

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