Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)

„Ich appelliere jetzt an die Eltern, die im Glauben, es handele es sich doch um eine gute Sache, ihre Unterschriften unter diese Volksinitiative gesetzt haben: Lassen Sie sich nicht von denen missbrauchen! Lassen Sie sich nicht vor den Karren dieser verdorbenen Politik spannen. Was DIE LINKE anstellt, ist das der Gipfel der Heuchelei.“

Quelle

Sprecher
Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)
Datum
2017-10-26
Quelle
Stenografischer Bericht 7/36 — Erste Beratung Volksinitiative „Den Mangel beenden - Unseren Kindern Zukunft geben!“ Unterrichtung Landtagspräsidentin D
Fundort
Plenarprotokoll 7/36
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/036stzg.pdf
Beleg-ID
fs-fami-0267

Kodierte sprachliche Mittel

DelegitimierenKampfbegriffMissbrauch (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Delegitimieren: Quelle und Sache trennen: Der Angriff auf die Instanz beantwortet die Sachfrage nicht. Die prüfbare Aussage von der angegriffenen Quelle lösen und für sich prüfen. · Angenommen, die Quelle wäre dir gleichgültig — stimmt der Inhalt? Worauf stützt sich deine Ablehnung der Sache selbst? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Missbrauch (Argumentationsmuster): Wer hier vorbeugend wappnen will, erklärt zuerst den Unterschied zur Konfrontation: Es geht nicht darum, jemandem die Legitimität zu entziehen, sondern einem noch unentschlossenen Publikum zu zeigen, wie die Engführung funktioniert, bevor sie greift — deshalb erklärend, nicht bloßstellend, mit ruhigem Nachfragen statt Widerlegung im Moment. Konkret heißt das: die stillschweigende Generalisierung offenlegen, ohne die Person, die sie wiederholt, mit ihr gleichzusetzen — wer das tut (Person = Parole), verhärtet die Unentschlossenen, die man erreichen will. Eine Formulierung, die trägt: »Woran machen Sie fest, dass das die Regel ist und nicht die Ausnahme — gibt es dazu Zahlen, oder ist es ein Eindruck?« Diese Nachfrage öffnet die Lücke zwischen Behauptung und Beleg. Der Blick auf die Fundstellen selbst lohnt: Wenn aus »13 unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern« bei einer Stichprobe sieben Fälle hochgerechnet werden, ist das keine Beobachtung, sondern eine Rechenoperation. Auch eine Zahl, die stimmt, kann zur Engführung werden: Die Aussage, »mehr als die Hälfte der Asylantragsteller« hätten dem BAMF keine Identitätspapiere vorgelegt, ist für sich richtig — was fehlt, ist die zweite Zahl, wie viele davon aus Staaten ohne Passwesen stammen. Diese Lücke lässt sich benennen, ohne Lüge vorzuwerfen: »Der Satz stimmt — aber er sagt noch nichts über Betrug, nur über fehlende Papiere.« Wer so immunisiert, appelliert an einen Wert, den kaum jemand bestreitet: Missbrauch soll verhindert werden, aber Verfahren, die ihn prüfen, sind etwas anderes als ein Generalverdacht, der die Prüfung überflüssig macht. Am Ende steht kein Sieg im Wortgefecht, sondern eine Person, die selbst weiterfragen kann, wenn ihr das nächste Mal ein Einzelfall als System verkauft wird. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, klärt zuerst, warum hier anders vorgegangen wird als beim Immunisieren: Es gibt kein Publikum mehr zu gewinnen, das noch offen ist, sondern eine Behauptung, die im Raum steht und live entlarvt werden muss — deshalb direkt benennen statt behutsam nachfragen, die Technik selbst zum Thema machen statt über den einzelnen Fall weiterzustreiten. Konkret: Wer mit der »Missbrauchsmöglichkeit des Asyl- und Sozialsystems« argumentiert, verwechselt eine Möglichkeit mit einer Wirklichkeit: »Sie sprechen von einer Möglichkeit, nicht von einem belegten Ausmaß; daraus einen pauschalen Anreiz zur Migration zu machen, ist ein Sprung, den Sie nicht belegt haben.« Ebenso entlarvend ist der Blick auf die Rechnung selbst: eine Stichprobe von 13 Fällen auf »weit mehr als 500 bis 600« hochzurechnen, ist keine Statistik, sondern eine Übertreibung mit statistischem Anstrich. Wichtig ist, dabei nicht auf dem Boden der Prämisse weiterzustreiten: Wer über die richtige Missbrauchsquote debattiert, hat die Engführung schon akzeptiert, dass Missbrauch die entscheidende Kategorie ist. Genau hier setzt die Entlarvung an: Wenn aus »kein legitimer Aufenthaltsgrund« oder »kein Kriegsflüchtling mehr« abgeleitet wird, dass Kategorien enger gefasst werden müssten, wird eine Verwaltungsfrage in eine Ausschlussfrage umgemünzt, ohne dass diese Verschiebung je begründet wurde. Die Zuspitzung zeigt sich, wo der Verdacht die Rollen tauscht: Wird behauptet, ein Kirchenasylant suche »nicht Zuflucht vor Verfolgung und Mord«, sondern »er flieht vor dem Rechtsstaat«, wird aus dem Schutzsuchenden ein Täter am eigenen Schutzsystem — diese Umkehrung lässt sich beim Namen nennen. Wer das offenlegt, gewinnt nicht die Empörung, sondern den Boden zurück, auf dem tatsächlich verhandelt wird: das Verfahren, nicht der Verdacht. · Vorbeugen ist etwas anderes als Widersprechen im Streitgespräch. Es geht nicht darum, jemandem seine Glaubwürdigkeit abzusprechen. Es geht darum, einem noch unentschlossenen Publikum zu zeigen, wie der Trick funktioniert — bevor er wirkt. Deshalb bleibt der Ton erklärend, nicht bloßstellend: ruhig nachfragen statt im Moment widerlegen. Konkret heißt das: die stille Verallgemeinerung offenlegen, ohne die Person, die sie wiederholt, mit ihr gleichzusetzen. Wer Person und Parole gleichsetzt, verhärtet genau die Unentschlossenen, die man eigentlich erreichen will. Eine Frage, die trägt: »Woran machen Sie fest, dass das die Regel ist und nicht die Ausnahme — gibt es dazu Zahlen, oder ist es ein Eindruck?« Diese Frage öffnet die Lücke zwischen Behauptung und Beleg. Ein Blick auf die Fundstellen selbst lohnt sich. Wenn aus »13 unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern« bei einer Stichprobe sieben Fälle hochgerechnet werden, ist das keine Beobachtung — das ist Rechnen mit Wunschzahlen. Auch eine Zahl, die stimmt, kann zum Trick werden: Der Satz, »mehr als die Hälfte der Asylantragsteller« hätten dem BAMF keine Identitätspapiere vorgelegt, ist für sich genommen richtig. Was fehlt, ist die zweite Zahl — wie viele davon aus Ländern ohne Passwesen kommen. Diese Lücke lässt sich benennen, ohne jemandem eine Lüge vorzuwerfen: »Der Satz stimmt — aber er sagt noch nichts über Betrug, nur über fehlende Papiere.« Wer so vorbeugt, beruft sich auf einen Wert, den kaum jemand bestreitet: Missbrauch soll verhindert werden. Aber ein Verfahren, das ihn prüft, ist etwas anderes als ein Generalverdacht, der die Prüfung überflüssig macht. Am Ende steht kein Sieg im Streitgespräch — sondern eine Person, die selbst weiterfragen kann, wenn ihr das nächste Mal ein Einzelfall als System verkauft wird. · Im Streitgespräch gilt eine andere Regel als beim Vorbeugen: Es gibt kein offenes Publikum mehr zu gewinnen. Eine Behauptung steht im Raum und muss sofort als das entlarvt werden, was sie ist. Deshalb direkt benennen statt vorsichtig nachfragen — die Technik selbst zum Thema machen, statt über den Einzelfall weiterzustreiten. Konkret: Wer mit der »Missbrauchsmöglichkeit des Asyl- und Sozialsystems« argumentiert, verwechselt eine Möglichkeit mit einer Tatsache: »Sie sprechen von einer Möglichkeit, nicht von einem belegten Ausmaß; daraus einen pauschalen Anreiz zur Migration zu machen, ist ein Sprung, den Sie nicht belegt haben.« Genauso entlarvend ist der Blick auf die Rechnung selbst: Eine Stichprobe von 13 Fällen auf »weit mehr als 500 bis 600« hochzurechnen, ist keine Statistik — das ist eine Übertreibung mit Zahlen-Anstrich. Wichtig dabei: nicht auf dem Boden der Behauptung weiterstreiten. Wer über die richtige Missbrauchsquote debattiert, hat schon akzeptiert, dass Missbrauch die entscheidende Frage ist. Genau hier setzt die Entlarvung an. Wenn aus »kein legitimer Aufenthaltsgrund« oder »kein Kriegsflüchtling mehr« gefolgert wird, Kategorien müssten enger gefasst werden, wird eine Verwaltungsfrage zur Ausschlussfrage umgebaut — ohne dass dieser Schritt je begründet wurde. Am schärfsten zeigt sich das, wo der Verdacht die Rollen tauscht: Wird behauptet, ein Kirchenasylant suche »nicht Zuflucht vor Verfolgung und Mord«, sondern »er flieht vor dem Rechtsstaat«, wird aus dem Schutzsuchenden ein Täter am eigenen Schutzsystem gemacht. Diese Umkehrung lässt sich beim Namen nennen. Wer sie offenlegt, gewinnt nicht die Empörung — sondern den Boden zurück, auf dem tatsächlich verhandelt wird: das Verfahren, nicht der Verdacht.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Passage verzichtet auf jede inhaltliche Auseinandersetzung mit der Volksinitiative und verlagert den Streit auf die Motive der politischen Gegnerin. Wer die Initiative unterstützt, wird zum potenziellen Opfer erklärt – „missbraucht", „vor den Karren gespannt" –, während DIE LINKE pauschal als „verdorben" und „heuchlerisch" markiert wird. So wird jede Zustimmung zur Initiative vorab entwertet, ohne dass ein einziges Argument gegen ihren Inhalt fallen muss.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich brauche gar nicht zu sagen, was an der Volksinitiative falsch ist — das würde mich zwingen, über Kitas und Schulen zu reden, und da habe ich nichts anzubieten. Einfacher ist es, die Unterschreibenden für gutgläubig zu erklären und DIE LINKE zum Strippenzieher zu machen. Wenn ich das Wort „missbrauchen" benutze, mache ich aus einer politischen Initiative sofort einen Übergriff, gegen den man die Eltern beschützen muss. Und wenn ich von „verdorbener Politik" und dem „Gipfel der Heuchelei" spreche, muss ich nicht mehr erklären, warum die Initiative schlecht ist — ich muss nur noch erklären, warum die Absender schlecht sind. Am Ende bleibt von der Sache selbst nichts übrig, nur der Verdacht gegen den Absender.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Verdacht, für fremde Interessen benutzt worden zu sein, kränkt — der Satz nimmt genau das auf und dreht es um: Nicht die eigene Unterschrift war ein Fehler, sondern die Konkurrenz hat sie ›missbraucht‹. Wer unterschrieben hat, bleibt so der Gute, der nur getäuscht wurde.

Für den, der ihn sagt: Der Vorwurf der ›Heuchelei‹ braucht keinen inhaltlichen Grund gegen die Initiative — er verschiebt den Streit von der Sache auf die Frage, wem man trauen darf, und gewinnt Zustimmung allein durchs Misstrauen.

Die Bilanz: Verengt wird die Prüfung der Initiative auf eine Vertrauensfrage gegenüber der politischen Konkurrenz. Ob die Kitas dadurch besser ausgestattet würden, bleibt ungeklärt — wer misstraut, hat noch keine bessere Kita.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz unterstellt allen, die unterschrieben haben, sie hätten sich ›missbrauchen‹ lassen — aber er nennt keinen einzigen inhaltlichen Grund, warum die Initiative falsch wäre. Wer stattdessen den ›Gipfel der Heuchelei‹ ausruft, verschiebt den Streit von der Sache auf die Frage, wem man überhaupt trauen darf. Das ist kein Argument gegen die Volksinitiative — das ist ein Misstrauensvotum gegen die politische Konkurrenz.

Wer diese Initiative unterschrieben hat, wollte etwas für die eigenen Kinder tun — das ist Engagement, keine Naivität. Schauen Sie sich das Wort ›missbrauchen‹ genau an: Es unterstellt, die Unterzeichnenden hätten gar nicht selbst gedacht, sondern seien nur benutzt worden. Dabei nennt der Satz keinen einzigen Grund, warum an der Initiative selbst etwas falsch wäre. Und der ›Gipfel der Heuchelei‹ trifft inhaltlich niemanden — er verschiebt den Streit von der Sache auf den Absender. Wer eine Initiative widerlegen will, muss ihren Inhalt angreifen. Nicht die Motive derer, die sie unterschrieben haben.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

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