Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Gordon Köhler (AfD)

„Ich denke, Kinder und Fachkräfte sollten weniger in Staatsbürgerkunde, sondern mehr in den Kernkompetenzen geschult und pädagogisch betreut werden.“

Quelle

Sprecher
Gordon Köhler (AfD)
Datum
2025-01-23
Quelle
Stenografischer Bericht 8/83 — Erste Beratung Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit vor der Einschulung schaffen: Landesweite Sprachstandserhebung un
Fundort
Plenarprotokoll 8/83
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/083stzg.pdf
Beleg-ID
fs-fami-0318

Kodierte sprachliche Mittel

Chiffre / Dog WhistleKultur & Identität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Chiffre / Dog Whistle: Den Code offenlegen: aussprechen, was das Wort den Eingeweihten signalisiert — eine Chiffre verliert ihre Deckung, sobald die zweite Botschaft offen im Raum steht. Herkunftsbeleg bereithalten. · Was verstehen diejenigen, die den Code kennen — sag es doch einmal offen. · eigenuebertrag

Gegenstrategie gegen Kultur & Identität (Argumentationsmuster): Diese Antwort wappnet vorbeugend — sie richtet sich nicht an den Sprecher einer bereits gefallenen Parole, sondern an ein Publikum, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat; deshalb erklärt sie ruhig, statt zu widerlegen, und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stillschweigende Prämisse: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt, es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine unveränderliche Mehrheitskultur. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen, graduell und über Generationen; das ist der historische Normalfall, den auch Deutschland selbst durchlaufen hat. Genau hier setzt eine sokratische Nachfrage an: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt, die Leerstelle offenzulegen, statt sie mit Statistik zu kontern — wer Zahlen gegen das Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits deren Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Zugleich lohnt der Appell an einen konkreten gemeinsamen Wert: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Sozialisation, Nachwende-Umbrüche —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Wo das Bild von »kulturfremden« Menschen fällt, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung, und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, damit schon zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Prämisse die Selbstverständlichkeit, ohne die Tür zuzuschlagen — anders als das Kontern, das auf offene Konfrontation im Moment selbst zielt. · Diese Antwort wirkt im Moment der Konfrontation — anders als das Immunisieren geht es nicht darum, ein Publikum zu wappnen, sondern die Behauptung live zu entlarven; deshalb darf sie schärfer sein, muss aber die Person von der Parole trennen und nicht in Empörung kippen, die der Sprecher als Opferrolle verbuchen würde. Der wirksamste Hebel ist, die Technik zu benennen: Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, formuliert keine Beschreibung, sondern eine Bedingung — offenzulegen, statt über die Dosierung zu diskutieren, wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Prämisse längst akzeptiert; das ist die Falle. Stattdessen lohnt der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man vollständig besitzt oder verliert, sondern ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer als homogen imaginierten Mehrheitsgesellschaft. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe, transportiert aber eine Zugehörigkeitsgrenze — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern Grenzziehung im Gewand der Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als bloße Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, entzieht der Behauptung ihre Tarnung als Tatsachenfeststellung, ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten. · Vorbeugen heißt: Ein Publikum stark machen, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat. Es richtet sich nicht an den, der die Parole schon gesagt hat. Deshalb erklärt dieser Text ruhig, statt zu widerlegen — und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stille Annahme dahinter: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt: Es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine Mehrheitskultur, die sich selbst nie verändert. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen. Langsam, über Generationen. Das ist der normale Fall in der Geschichte — auch Deutschland selbst hat das durchgemacht. Genau hier hilft eine einfache Frage: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt dazu, die Lücke im Argument offenzulegen — statt mit Statistik dagegenzuhalten. Wer Zahlen gegen ein Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits dessen Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Auch ein Appell an einen gemeinsamen Wert lohnt sich: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Zeit, die Umbrüche nach der Wende —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Fällt das Wort »kulturfremden«, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung. Und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, gleich zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Annahme ihre Selbstverständlichkeit — ohne die Tür zuzuschlagen. Das unterscheidet diesen Weg vom Kontern, das auf offenen Widerspruch im Moment selbst zielt. · Kontern wirkt im Moment der Konfrontation. Anders als beim Vorbeugen geht es nicht darum, ein Publikum stark zu machen, sondern die Behauptung sofort zu entlarven. Deshalb darf der Ton schärfer sein — muss aber die Person von der Parole trennen und darf nicht in Empörung kippen. Empörung würde der Sprecher nur als Opferrolle verbuchen. Der stärkste Hebel: die Technik benennen. Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, beschreibt nichts — er stellt eine Bedingung. Das offenzulegen ist wichtiger, als über die Dosierung zu streiten: wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Annahme dahinter schon akzeptiert — das ist die Falle. Besser ist der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man ganz besitzt oder ganz verliert. Sie ist ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft, die sich selbst für einheitlich hält. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe. Tatsächlich zieht er eine Grenze der Zugehörigkeit — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern eine Grenzziehung im Gewand einer Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als reine Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, nimmt der Behauptung ihre Tarnung als Tatsache — ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung ersetzt den neutralen Begriff politischer Bildung durch den Namen des DDR-Pflichtfachs zur SED-Indoktrination und stellt so aktuelle Demokratiebildung in eine Reihe mit autoritärer Zwangserziehung. Bei Zuhörern mit DDR-Sozialisation aktiviert das Wort eine konkrete, negativ besetzte Erinnerung, ohne dass ein einziges Argument gegen die heutige Bildungspraxis genannt werden muss. Die Gegenüberstellung mit „Kernkompetenzen" suggeriert zudem, Demokratiebildung stehe in Konkurrenz zu fachlichem Lernen, statt Teil davon zu sein.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage nicht „Demokratiebildung", ich sage „Staatsbürgerkunde" — und wer die DDR erlebt hat, hört sofort das Pflichtfach, in dem der Klassenstandpunkt der Partei auswendig gelernt wurde. Ein einziges Wort ersetzt mir jede inhaltliche Kritik: Ich muss nicht erklären, was an heutiger politischer Bildung falsch sein soll, ich muss nur die Erinnerung an Zwang und Bevormundung wecken. Dass es sich um zwei völlig verschiedene Dinge handelt — dort verordnete Einheitsmeinung, hier pluralistische Auseinandersetzung mit Demokratie — sage ich nicht, das wäre ja mein Bild kaputt. Stattdessen stelle ich es noch gegen „Kernkompetenzen", als koste jede Minute Demokratiebildung den Kindern etwas Wichtigeres weg. So klingt meine Forderung nach weniger politischer Bildung nicht wie ein Angriff auf Demokratieerziehung, sondern wie gesunder Menschenverstand gegen ideologische Gängelung.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Satz verschafft der Sorge ums Rechnen- und Lesenlernen einen Gegner mit Geschichte — ›Staatsbürgerkunde‹ ruft die DDR auf, obwohl die heutige Demokratiebildung diesen Namen nicht trägt.

Für den, der ihn sagt: Mit dem DDR-Wort ›Staatsbürgerkunde‹ erklärt der Satz Demokratiebildung insgesamt für verdächtig, ohne zeigen zu müssen, dass sie überhaupt Unterrichtszeit kostet. Wer sie verteidigt, gerät damit schon in die Nähe der alten Staatsideologie — ein Vorwurf, den kein Argument mehr entkräftet.

Die Bilanz: Verengt wird die Frage nach Unterrichtszeit auf ein Entweder-oder zwischen Rechnen und politischer Bildung, die sich gar nicht ausschließen. Ob tatsächlich zu wenig geübt wird und woran das liegt, bleibt so ungeklärt.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz stellt zwei Dinge gegeneinander, die gar nicht im Widerspruch stehen. ›Staatsbürgerkunde‹ war der Name für das Fach politischer Erziehung in der DDR — ein Wort mit schwerer Geschichte. Wer es für heutige Demokratiebildung benutzt, unterstellt ihr etwas, das sie nicht ist. Und niemand zeigt, dass Demokratiebildung den Kindern die Zeit fürs Rechnen wegnimmt.

Dass Kinder rechnen und lesen lernen sollen — klar, da sind wir uns einig. Aber hören Sie genau hin: ›Staatsbürgerkunde‹ ist kein Fach von heute. So hieß der Unterricht zur Staatsideologie in der DDR. Wer das Wort für Demokratiebildung im Jahr 2026 benutzt, malt ein Bild von Umerziehung, das gar nicht stimmt. Kernkompetenzen und Demokratiebildung schließen sich nicht aus — beides gehört in eine gute Schule. Wer hier eins gegen das andere ausspielt, verschiebt die eigentliche Frage: Wo fehlt wirklich Zeit zum Üben?

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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