Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Thomas Höse (AfD)

„Es können also nur Staatsbürgerkunde-2.0-geschulte Antifa-affine Jugendliche sein, die nur gelehrt bekommen haben, Forderungen zu stellen, Forderungen gegenüber allem und jedem, gegenüber ihrem Land und der Gesellschaft, oder solche, die sich gern aus der kostenlosen praxisorientierten Beteiligungstasche des KJR bedienen und schon einmal gern sprühen, kleben, schmieren oder Lärm ausüben“

Quelle

Sprecher
Thomas Höse (AfD)
Datum
2016-09-02
Quelle
Stenografischer Bericht 7/8 — Beratung Mitwirkung der jungen Generation fördern - Demokratie stärken
Fundort
Plenarprotokoll 7/8
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/008stzg.pdf
Beleg-ID
fs-fami-0552 · Absatz aus fs-fami-abs-0148

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffPauschalisierenKultur & Identität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Pauschalisieren: Das ›die‹ auflösen (wer konkret?), die Stichprobe prüfen und Gegenbeispiele benennen — der Schluss vom Einzelnen auf das Wesen einer Gruppe ist der klassische Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. · Auf wie vielen Fällen beruht das — und gilt es für alle oder für Einzelne, die man benennen kann? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Kultur & Identität (Argumentationsmuster): Diese Antwort wappnet vorbeugend — sie richtet sich nicht an den Sprecher einer bereits gefallenen Parole, sondern an ein Publikum, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat; deshalb erklärt sie ruhig, statt zu widerlegen, und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stillschweigende Prämisse: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt, es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine unveränderliche Mehrheitskultur. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen, graduell und über Generationen; das ist der historische Normalfall, den auch Deutschland selbst durchlaufen hat. Genau hier setzt eine sokratische Nachfrage an: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt, die Leerstelle offenzulegen, statt sie mit Statistik zu kontern — wer Zahlen gegen das Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits deren Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Zugleich lohnt der Appell an einen konkreten gemeinsamen Wert: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Sozialisation, Nachwende-Umbrüche —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Wo das Bild von »kulturfremden« Menschen fällt, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung, und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, damit schon zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Prämisse die Selbstverständlichkeit, ohne die Tür zuzuschlagen — anders als das Kontern, das auf offene Konfrontation im Moment selbst zielt. · Diese Antwort wirkt im Moment der Konfrontation — anders als das Immunisieren geht es nicht darum, ein Publikum zu wappnen, sondern die Behauptung live zu entlarven; deshalb darf sie schärfer sein, muss aber die Person von der Parole trennen und nicht in Empörung kippen, die der Sprecher als Opferrolle verbuchen würde. Der wirksamste Hebel ist, die Technik zu benennen: Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, formuliert keine Beschreibung, sondern eine Bedingung — offenzulegen, statt über die Dosierung zu diskutieren, wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Prämisse längst akzeptiert; das ist die Falle. Stattdessen lohnt der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man vollständig besitzt oder verliert, sondern ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer als homogen imaginierten Mehrheitsgesellschaft. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe, transportiert aber eine Zugehörigkeitsgrenze — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern Grenzziehung im Gewand der Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als bloße Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, entzieht der Behauptung ihre Tarnung als Tatsachenfeststellung, ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten. · Vorbeugen heißt: Ein Publikum stark machen, das die Behauptung von unvereinbaren Kulturen noch nicht durchschaut hat. Es richtet sich nicht an den, der die Parole schon gesagt hat. Deshalb erklärt dieser Text ruhig, statt zu widerlegen — und setzt unschlüssige Zuhörer nicht mit der Parole gleich. Der Ansatzpunkt ist die stille Annahme dahinter: Wer nur unter engen Bedingungen von »echte Integration, also Assimilation, gelingt« spricht, unterstellt: Es gebe nur eine Richtung der Anpassung — die der Zugewanderten an eine Mehrheitskultur, die sich selbst nie verändert. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften mit Zuwanderung in beide Richtungen. Langsam, über Generationen. Das ist der normale Fall in der Geschichte — auch Deutschland selbst hat das durchgemacht. Genau hier hilft eine einfache Frage: »Welche eigene Gewohnheit, welchen eigenen Umgangston hat sich denn in den letzten dreißig Jahren verändert — war das schon Identitätsverlust?« Diese Frage zwingt dazu, die Lücke im Argument offenzulegen — statt mit Statistik dagegenzuhalten. Wer Zahlen gegen ein Gefühl von Heimatverlust setzt, akzeptiert bereits dessen Nullsummen-Logik und hat schon verloren. Auch ein Appell an einen gemeinsamen Wert lohnt sich: Wer in Sachsen-Anhalt lebt, kennt selbst mehrere Kulturschichten in der eigenen Biografie — Herkunftsregion, DDR-Zeit, die Umbrüche nach der Wende —, ohne dass daraus ein Identitätsverlust wurde. Fällt das Wort »kulturfremden«, lohnt sich die ruhige Übersetzung: Das Wort markiert eine Grenze, keine Beschreibung. Und diese Grenze lässt sich benennen, ohne die Person, die sie zieht, gleich zur Gegnerin zu erklären. Wer so fragt und übersetzt, nimmt der Annahme ihre Selbstverständlichkeit — ohne die Tür zuzuschlagen. Das unterscheidet diesen Weg vom Kontern, das auf offenen Widerspruch im Moment selbst zielt. · Kontern wirkt im Moment der Konfrontation. Anders als beim Vorbeugen geht es nicht darum, ein Publikum stark zu machen, sondern die Behauptung sofort zu entlarven. Deshalb darf der Ton schärfer sein — muss aber die Person von der Parole trennen und darf nicht in Empörung kippen. Empörung würde der Sprecher nur als Opferrolle verbuchen. Der stärkste Hebel: die Technik benennen. Wer verlangt, Eingebürgerte müssten »seine alte Identität loslassen«, beschreibt nichts — er stellt eine Bedingung. Das offenzulegen ist wichtiger, als über die Dosierung zu streiten: wie viel »Identität« man denn noch behalten dürfe. Wer darüber verhandelt, hat die Annahme dahinter schon akzeptiert — das ist die Falle. Besser ist der direkte Widerspruch: Kultur ist keine Substanz, die man ganz besitzt oder ganz verliert. Sie ist ein Zusammenspiel aus Sprache, Alltag, Recht und Gewohnheit, das sich laufend neu mischt — auch innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft, die sich selbst für einheitlich hält. Konkret zeigt sich das an »kulturfremde Hilfsarbeiter und Versorgungsmigranten«: Der Ausdruck tut so, als beschreibe er Berufe. Tatsächlich zieht er eine Grenze der Zugehörigkeit — benennbar mit: »Sie sprechen von Hilfsarbeit, meinen aber Herkunft.« Auch wo Menschen »in ihrem Kulturraum verbleiben« sollen: keine Analyse, sondern eine Grenzziehung im Gewand einer Ortsbeschreibung. Wo dieselbe Setzung sich als reine Feststellung tarnt — »Es entstehen Parallelgesellschaften. Das ist kein negativer Unterton; das ist einfach so« —, hilft die Rückfrage: »Warum betonen Sie dann, dass es keiner sei?« Ein klarer Satz zieht die Grenze: »Kulturen, die sich nicht verändern dürften, hätte es nie gegeben — auch unsere nicht.« Wer so kontert, nimmt der Behauptung ihre Tarnung als Tatsache — ohne selbst auf ihrem Boden weiterzustreiten.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung koppelt einen DDR-belasteten Begriff — »Staatsbürgerkunde«, das Fach zur ideologischen Erziehung im Sinne der SED — mit dem Suffix »2.0« an heutige, pluralistische Demokratie- und Beteiligungsbildung und suggeriert so eine Kontinuität von SED-Indoktrination zu aktueller politischer Bildung. Für Zuhörer mit DDR-Sozialisation wirkt der Begriff als Signalwort, das die eigentliche inhaltliche Auseinandersetzung mit Jugendbeteiligung durch einen historischen Angst-Reflex ersetzt. Gleichzeitig pauschalisiert der Satz eine ganze Gruppe engagierter Jugendlicher als bloßes Produkt dieser unterstellten Indoktrination, statt ihre Forderungen inhaltlich zu würdigen oder zu widerlegen.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich brauche kein Argument gegen Jugendbeteiligung, ich brauche nur ein Wort, das bei den Richtigen einen alten Schmerz auslöst. »Staatsbürgerkunde« kennt jeder, der die DDR-Schule durchlaufen hat — Fahnenappell, Pflichtfach, SED-Katechismus. Wenn ich »2.0« dranhänge, muss ich nicht mehr erklären, was an heutiger Demokratiebildung angeblich falsch ist: das Wort erledigt die Gleichsetzung von selbst, unhörbar für die einen, sofort verstanden von den anderen. Und weil ich die Jugendlichen gleich als »Antifa-affin« und bloß »geschult« beschreibe, muss ich ihre Forderungen nie beim Namen nennen — sie sind ja nur das Ergebnis einer Indoktrination, keine eigene Position. So spare ich mir jede inhaltliche Auseinandersetzung und liefere stattdessen ein Reizwort, das für sich allein die Erregung übernimmt.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt die DDR-Assoziation »Staatsbürgerkunde« auf heutige Demokratiebildung und suggeriert damit eine Kontinuität von SED-Ideologieunterricht zu gegenwärtiger Jugendarbeit, ohne dafür einen inhaltlichen Beleg zu liefern. Zugleich pauschalisiert sie von einer konkreten Protestform (Sprühen, Kleben, Lärm) auf eine ganze Gruppe engagierter Jugendlicher, die dadurch als fremdgesteuert statt als eigenständig politisch urteilend erscheinen. So wird demokratisches Engagement selbst zum Verdachtsmoment.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich hänge an eine Gruppe engagierter Jugendlicher ein Wort, das jeder in diesem Land sofort mit Bespitzelung und Gleichschaltung verbindet — »Staatsbürgerkunde«, nur mit der Zahl »2.0« versehen, damit klar ist: dasselbe Prinzip, bloß moderner verpackt. Ich muss nicht erklären, was an der heutigen Demokratiebildung konkret DDR-artig sein soll, das Wort erledigt die Arbeit für mich. Wer diesen Jugendlichen zuhört, hört ab jetzt keine eigene Überzeugung mehr, sondern nur noch »geschulte« Wiederholung — ihr Engagement wird zur Dressur erklärt, ihre Kritik zur Ferngesteuertheit. Und weil ich das mit den paar Sprayern und Klebern verknüpfe, kann ich stillschweigend von Einzelnen auf alle schließen: wer sich beteiligt, ist verdächtig, wer fordert, ist indoktriniert. So spare ich mir jede Auseinandersetzung mit dem, was diese jungen Leute tatsächlich sagen.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der alte Schmerz der DDR-Sozialisation bekommt eine Bestätigung: heutige Demokratiebildung klingt plötzlich wie das alte Fach ›Staatsbürgerkunde‹. Das erspart das Nachdenken über aktuelle Jugendbeteiligung — verstanden ist damit nichts, nur wiedererkannt.

Für den, der ihn sagt: Der Satz muss die Forderungen engagierter Jugendlicher nicht inhaltlich widerlegen: Das historische Reizwort ›Staatsbürgerkunde 2.0‹ erklärt sie pauschal zu fremdgesteuerter Dressur und gewinnt Ablehnung, ohne eine eigene Position zu Jugendbeteiligung liefern zu müssen.

Die Bilanz: Ohne dass eine einzige Forderung dieser Jugendlichen geprüft worden wäre, gilt ihr Engagement als bloße Schulung — was sie tatsächlich fordern und warum, bleibt unbeantwortet, während der Verdacht der Fremdsteuerung bestehen bleibt.

Begriffe in dieser Aussage

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