Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Tobias Rausch (AfD)

„Auch das kann ich Ihnen nicht ersparen, liebe Kollegen der LINKEN: Natürlich hängt die deutlich gestiegene Anzahl betreuter Kinder auch und gerade mit der Asylkrise zusammen. Natürlich sind es die einheimischen Eltern, die mit steigenden Elternbeiträgen für die zusätzlichen Betreuungskosten zur Kasse gebeten werden. Auf diese Zusammenhänge werden wir als Anwalt der Familien in Sachsen-Anhalt immer wieder hinweisen, egal ob es Ihnen passt oder nicht. - Ich danke Ihnen. (Beifall bei der AfD)“

Quelle

Sprecher
Tobias Rausch (AfD)
Datum
2016-10-27
Quelle
Stenografischer Bericht 7/11 — Beratung Erste Beratung Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Hochschulen des Landes Sachsen-Anhalt Entwurf eines D
Fundort
Plenarprotokoll 7/11
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/011stzg.pdf
Beleg-ID
fs-fami-abs-0255

Kodierte sprachliche Mittel

Selbst-EtikettierungNaturalisierenPauschalisierenVerschweigen / HalbwahrheitBelastung (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Naturalisieren: Den Sein-Sollen-Sprung benennen: Aus ›so ist es von Natur‹ folgt kein ›so soll es sein‹ — und die Naturbehauptung ist meist eine gesellschaftliche Setzung im Naturkostüm. · Woher weißt du, dass das Natur ist und nicht Gewohnheit — und selbst wenn: warum wäre es damit richtig? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Pauschalisieren: Das ›die‹ auflösen (wer konkret?), die Stichprobe prüfen und Gegenbeispiele benennen — der Schluss vom Einzelnen auf das Wesen einer Gruppe ist der klassische Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. · Auf wie vielen Fällen beruht das — und gilt es für alle oder für Einzelne, die man benennen kann? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Selbst-Etikettierung: Das Selbst-Etikett gegen das belegte Handeln halten und es nicht übernehmen — die Akteure präzise beim dokumentierten Verhalten benennen statt bei ihrer Pose. · Passt der schmeichelnde Name zum belegten Tun — was genau ist daran harmlos? · praxiswissen

Gegenstrategie gegen Verschweigen / Halbwahrheit: Den fehlenden Kontext liefern: Bezugsgröße, Basisrate, Vergleichswert, Zeitreihe. Die wahre Zahl bleibt wahr — erst ihr Rahmen macht aus ihr eine Irreführung oder eine Information. · Die Zahl stimmt — aber verglichen womit? Welcher Kontext fehlt, damit sie etwas bedeutet? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Belastung (Argumentationsmuster): Wer diesem Argumentationsstrang vorbeugend die Wirkung nehmen will, hat ein anderes Ziel als jemand, der ihn im Moment eines Wortwechsels widerlegt: Es geht nicht darum, eine Person vorzuführen, die die Belastungs-Erzählung übernommen hat, sondern darum, dass sie die Konstruktion durchschaut, bevor die nächste Zahl sie wieder überzeugt – deshalb bleibt der Ton erklärend und fragend, nicht widerlegend. Der wirksamste Hebel ist deshalb nicht die Gegenzahl, sondern das Nachfragen: Wer erklärt, »Wir sind an den Kapazitätsgrenzen«, sollte gefragt werden, welche Kapazitätsgrenze genau gemeint ist – die Zahl der Lehrer, die Zahl der Klassenräume, das Budget? – und seit wann diese Grenze existiert. Dieselbe Frage passt auf schärfere Behauptungen: Wer vorrechnet, »70 % der Leute, die hier sind«, kämen nur wegen des Sozialsystems, sollte gefragt werden, woher diese Zahl stammt – nicht um zu widerlegen, sondern um sie dorthin zurückzuholen, wo sie geprüft werden kann. Zugleich lohnt der Blick auf die eigene Erfahrung: Wer erzählt, die Schwimmbad-Öffnungszeiten seien gekürzt worden oder der Kita-Platz fehle, hat oft recht mit dem Befund, nur die Ursachenzuschreibung ist verkürzt. Genau hier hilft ein Anknüpfen an gemeinsame Werte statt an Abgrenzung: eine Gesellschaft, die in ihre Infrastruktur investiert, kümmert sich auch um die eigenen Kinder und Alten – das eint mehr, als es trennt. Wer die fragende Person mit der AfD-Parole gleichsetzt, erreicht das Gegenteil: Sie fühlt sich abgestempelt statt gehört und verhärtet sich in der Erzählung, die man entkräften wollte. Die Frage »Was genau ist hier knapp – Geld oder politischer Wille, es bereitzustellen?« öffnet einen Raum, in dem die Antwort nicht mehr feststeht. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das vorbeugende Immunisieren: Die Behauptung steht bereits im Raum, vor Publikum, und muss live als das kenntlich gemacht werden, was sie ist – deshalb beginnt dieser Text nicht mit Verständnis, sondern mit der Benennung der Technik. Wenn behauptet wird, es »wandert ein Großteil der Zugewanderten direkt in die Sozialkassen ein und belastet diese, anstatt Entlastung zu bringen«, oder wenn eine Zahl wie »Fast jeder dritte Bürgergeld-Euro geht an Ausländer« fällt, lohnt zuerst die Faktenkorrektur: Was verschweigt diese Zahl – den Anteil der Erwerbstätigen unter denselben Menschen, den Bedarf einer alternden Gesellschaft an Arbeitskräften, die Kosten, die sie ohnehin trüge? Wirksamer als jede Einzelzahl zu kontern ist es, das Muster zu entlarven: »Sie zeigen mir eine Ausgabe und nennen sie das ganze Bild – wo bleibt die andere Seite der Bilanz?« Diese Entlarvung trifft härter als jede Gegenstatistik, weil sie die Konstruktion offenlegt statt sich auf ihrem Boden zu bewegen. Genau das ist die Falle: Wer mit eigenen Zahlen gegen dramatisierte Kollaps-Rhetorik anrennt, übernimmt bereits die Prämisse, dass hier eine reine Zahlenfrage verhandelt wird. Ebenso wenig hilft Empörung ohne Benennung – sie liefert nur die Kränkung, aus der sich die nächste Opferklage speist. Der Widerspruch liegt offen zutage, wo ein Redner selbst einräumt, Deutschland habe mehr Asylanträge angenommen »als die ganze Menschheit auf diesem Planeten zusammen«, während er im selben Atemzug von Konsequenzlosigkeit spricht – zwei Behauptungen, die sich widerlegen. Wer solche Sätze öffentlich nebeneinanderstellt, muss nicht empört sein, um zu gewinnen: Die Lücke selbst überzeugt. · Vorbeugen heißt: Menschen stark machen, bevor das Argument sie erreicht — oder kurz danach. Es geht nicht darum, jemanden zu widerlegen oder vorzuführen. Es geht darum, dass jemand die Masche selbst durchschaut, bevor ihn die nächste Zahl wieder überzeugt. Deshalb bleibt der Ton ruhig und fragend. Das beste Werkzeug ist die Nachfrage. Wer sagt: »Wir sind an den Kapazitätsgrenzen«, den kann man fragen: Welche Grenze genau? Zu wenig Lehrer? Zu wenig Räume? Zu wenig Geld? Und seit wann gibt es diese Grenze? Solche Fragen sind kein Angriff. Sie zwingen nur zur Genauigkeit — dort, wo vorher nur ein Gefühl von Überforderung war. Dieselbe Frage passt bei härteren Behauptungen: Wer vorrechnet, »70 % der Leute, die hier sind«, kämen nur wegen des Sozialsystems, den kann man fragen, woher diese Zahl stammt. Nicht um zu widerlegen — sondern damit die Zahl dorthin zurückmuss, wo man sie prüfen kann. Wichtig: die Erfahrung des Gegenübers ernst nehmen. Wer erzählt, dass das Schwimmbad kürzer öffnet oder der Kita-Platz fehlt, hat oft recht. Die Engpässe sind echt. Nur die Erklärung dafür ist zu kurz gedacht. Hier hilft ein gemeinsamer Wert: Ein Land, das in Schulen und Kitas investiert, kümmert sich auch um die eigenen Kinder und Alten. Das verbindet mehr, als es trennt. Ein Fehler wäre, das Gegenüber mit der AfD gleichzusetzen — wer sich abgestempelt fühlt, hört nicht mehr zu und glaubt der Erzählung erst recht. Am Ende hilft eine einfache Frage: »Was genau ist hier knapp – Geld oder politischer Wille, es bereitzustellen?« · Kontern heißt: Die Behauptung steht schon im Raum, andere hören zu — jetzt muss sie sofort als das erkennbar werden, was sie ist. Deshalb beginnt man nicht mit Verständnis, sondern benennt den Trick. Wenn jemand behauptet, es »wandert ein Großteil der Zugewanderten direkt in die Sozialkassen ein und belastet diese, anstatt Entlastung zu bringen«, oder eine Zahl fällt wie »Fast jeder dritte Bürgergeld-Euro geht an Ausländer« — dann lohnt zuerst die Frage: Was verschweigt diese Zahl? Wie viele dieser Menschen arbeiten? Wie dringend braucht ein alterndes Land Arbeitskräfte? Welche Kosten hätte es auch ohne Zuwanderung? Noch stärker als jede Gegenzahl wirkt es, das Muster selbst zu benennen: »Sie zeigen mir eine Ausgabe und nennen sie das ganze Bild – wo bleibt die andere Seite der Bilanz?« Dieser Satz trifft härter als jede Statistik, denn er legt den Bau des Arguments offen, statt sich auf dessen Spielfeld zu stellen. Genau das ist die Falle: Wer mit eigenen Zahlen gegen die Untergangs-Rhetorik anrennt, hat schon akzeptiert, dass es nur um Zahlen geht. Auch Empörung hilft nicht — sie liefert der Gegenseite nur die Kränkung für die nächste Opfer-Erzählung. Manchmal widerlegt sich das Argument sogar selbst: Ein Redner räumt ein, Deutschland habe mehr Asylanträge angenommen »als die ganze Menschheit auf diesem Planeten zusammen« — und beklagt im selben Atemzug, es geschehe nichts. Beides zusammen geht nicht. Wer solche Sätze nebeneinanderstellt, braucht keine Empörung. Die Lücke überzeugt von selbst.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Aussage verknüpft die gestiegene Zahl betreuter Kinder mit der als »Asylkrise« etikettierten Fluchtbewegung, ohne diesen Zusammenhang mit einer einzigen Zahl zu belegen – die doppelte Wiederholung von »natürlich« ersetzt den Beleg durch Selbstverständlichkeit. Zugleich pauschalisiert der Satz alle »einheimischen Eltern« zu einer homogen belasteten Gruppe und verschweigt andere, naheliegende Kostentreiber wie Personal, Löhne und den ausgeweiteten Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Die Selbstinszenierung als »Anwalt der Familien« rahmt die unbelegte Behauptung zusätzlich als Fürsorge.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage zweimal »natürlich«, damit niemand mehr nach dem Beweis fragt. Ich nenne es »Asylkrise«, nicht »Aufnahme von Geflüchteten« – das Wort trägt die Bedrohung schon in sich, ich muss sie nicht mehr extra behaupten. Eine Zahl, die zeigt, wie viel der gestiegenen Kosten wirklich mit mehr Kindern mit Fluchthintergrund zu tun hat, brauche ich nicht – die Behauptung genügt, wenn ich sie nur bestimmt genug ausspreche. Dass Betreuung überall teurer wird, weil mehr Personal, längere Öffnungszeiten und ein ausgeweiteter Rechtsanspruch Geld kosten, erwähne ich lieber nicht, das würde meine Rechnung stören. Und indem ich »die einheimischen Eltern« sage, mache ich aus jedem Vater und jeder Mutter im Saal mein Publikum, das sich betrogen fühlen soll. Am Ende stelle ich mich noch als »Anwalt der Familien« hin – so klingt meine Erzählung nach Fürsorge, nicht nach einer Rechnung, die ich mir selbst zurechtgelegt habe.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Die gestiegene Kita-Rechnung erhält eine griffige Ursache — »natürlich« macht den Zusammenhang zur Selbstverständlichkeit, über die niemand mehr nachdenken muss.

Für den, der ihn sagt: Die zweifache Wiederholung von »natürlich« ersetzt den Beleg durch Behauptungsdruck — Personalkosten, Löhne, der Rechtsanspruch auf einen Platz müssen nie erwähnt werden, die Zustimmung kommt trotzdem.

Die Bilanz: Verengt wird die Ursachensuche auf eine einzige Erklärung — die tatsächlichen Kostentreiber der Kinderbetreuung fallen aus der Rechnung heraus. Der Bescheid im Briefkasten wird dadurch keinen Cent günstiger.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz verknüpft die gestiegene Zahl betreuter Kinder mit der so genannten Asylkrise, ohne eine einzige Zahl zu nennen, die diesen Zusammenhang stützt. Dass Betreuung generell teurer geworden ist – durch mehr Personal, höhere Löhne, längere Öffnungszeiten und den ausgeweiteten Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz – bleibt unerwähnt. Die Wiederholung von ›Natürlich‹ ersetzt den fehlenden Beleg durch Behauptungsdruck.

Zweimal sagt der Redner ›Natürlich‹ – als wäre der Zusammenhang längst bewiesen. Genau das ist der Trick: Eine Behauptung wird nicht belegt, sie wird nur oft genug für selbstverständlich erklärt. Woher die gestiegenen Kosten wirklich kommen, sagt der Satz nicht – mehr Personal, längere Öffnungszeiten, höhere Löhne, mehr Plätze durch den Rechtsanspruch: All das treibt die Beiträge, ganz ohne einen einzigen geflüchteten Menschen. Wer sich als ›Anwalt der Familien‹ inszeniert und dabei die echten Kostentreiber verschweigt, vertritt am Ende vor allem seine eigene Erzählung. Woher stammt eigentlich die Zahl, die diesen Zusammenhang beweisen soll?

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Weitere Fundstellen zum Thema familie