Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Hannes Loth (AfD)

„Zweitens. Stoppen Sie den Ausbau der Windenergie. Sie ist mit den über 3 000 Windrädern mit verantwortlich für den Schreddertod von Insekten und damit auch für den Schreddertod von Fledermäusen, die den Insekten in die tödlichen Rotoren folgen.“

Quelle

Sprecher
Hannes Loth (AfD)
Datum
2017-10-27
Quelle
Stenografischer Bericht 7/37 — Tagesordnungspunkt 0
Fundort
Plenarprotokoll 7/37, TOP 0
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/037stzg.pdf
Beleg-ID
fs-lawi-abs-0154

Kodierte sprachliche Mittel

Dramatisieren / DammbruchKampfbegriffNatürlichkeit (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Dramatisieren / Dammbruch: Die behauptete Kette Schritt für Schritt prüfen und die Gegenkräfte benennen, die sie stoppen — den Katastrophen-Rahmen dabei nicht nacherzählen, sondern nüchtern verkleinern. · Führt wirklich jeder Schritt zwingend zum nächsten — und welche Kräfte würden die Kette längst stoppen? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Natürlichkeit (Argumentationsmuster): Die vorbeugende Gegenrede hat hier ein bescheidenes, aber wirksames Ziel: dem Publikum ein Ohr für das Wort natürlich einzupflanzen, bevor es als Argument durchgeht — erklärend und ohne die Person anzugreifen, denn anders als beim Konter steht keine einzelne Aussage zur Prüfung, sondern eine Denkgewohnheit. Zwei Fragen genügen als Ausstattung. Die erste: Ist das wirklich Natur — oder Gewohnheit? Vieles, was als ewige Ordnung auftritt, hat ein Geburtsdatum; wer es benennt, macht aus der Natur eine historische Entscheidung, über die sich neu entscheiden lässt. Wenn das Regierungsprogramm einer Schulsport-Reform vorhält, durch sie »werden die Kinder dem Leistungsgedanken entfremdet«, lässt sich ruhig fragen, seit wann diese Nähe denn besteht und wer sie gestiftet hat — die Frage erledigt das Pathos, ohne zu streiten. Die zweite: Selbst wenn etwas natürlich wäre — folgt daraus, dass es gut ist? Krankheit ist natürlich, Impfung nicht; niemand zieht daraus die Regel, das Natürliche sei vorzuziehen. Wer beide Fragen im Kopf hat, erkennt auch die Doppelverwendung des Musters: Mal gebietet die Natur den Eingriff, mal verbietet sie ihn — je nachdem, was gerade gefordert wird. Wichtig bleibt der Ton: Menschen, die von natürlichen Ordnungen sprechen, verteidigen oft ehrlich Vertrautes gegen das Tempo der Veränderung; sie sind nicht das Muster, das sie zitieren. Immunisieren heißt, die Beweislast zurückzuschieben: Die Natur hat nichts gefordert — gefordert hat ein Mensch, und der schuldet Gründe. · Im direkten Schlagabtausch verschiebt sich das Ziel: Nicht eine Denkgewohnheit soll vorbeugend geimpft, sondern eine konkrete Natur-Behauptung vor Publikum geöffnet werden — schnell, an der vorliegenden Aussage, ohne Seminarton. Die verlockendste Antwort ist zugleich die schwächste: der lange Gegenbeweis aus der Naturgeschichte. Wer ausführt, wie vielfältig Familienformen oder Erziehungsideale historisch waren, mag recht haben — aber er streitet auf dem Feld, das der andere gewählt hat, und übernimmt dessen Prämisse, die Naturfrage entscheide die Sache. Stärker ist, den Kurzschluss selbst zu treffen: »Selbst wenn das so natürlich wäre, wie Sie sagen — warum wäre es deshalb richtig? Krankheiten sind auch natürlich.« Dieser eine Satz passt in jede Redezeit. Dazu die Nachfrage, die das Etikett öffnet: Woher wissen Sie, dass das Natur ist und nicht bloß Gewohnheit? Wenn eine Programmforderung beklagt, Kinder würden »dem Leistungsgedanken entfremdet«, genügt die Rückfrage, ob es eine angeborene Bindung an Schulnoten gibt. Und wo das Muster in seine zweite Gestalt wechselt — man könne ohnehin nichts ändern —, hilft das Spiegeln der Doppelrolle: Eben noch gebot die Natur zu handeln, jetzt verbietet sie es; beides zusammen geht nicht. Die Falle, die es zu meiden gilt, ist die Eskalation ins Weltanschauliche: Wer den Streit über eine einzelne Behauptung zur Generaldebatte über Biologie macht, verliert das Publikum. Der Konter sitzt, wenn ein einziger Satz hängen bleibt: Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll. · Die vorbeugende Gegenrede hat hier ein einfaches Ziel: ein Ohr wecken für das Wort natürlich, bevor es als Argument durchgeht. Erklärend, ohne Angriff — denn anders als im Schlagabtausch steht keine einzelne Aussage zur Prüfung, sondern eine Denkgewohnheit. Zwei Fragen reichen als Ausstattung. Erste Frage: Ist das wirklich Natur — oder nur Gewohnheit? Vieles, was als ewige Ordnung auftritt, hat ein Geburtsdatum. Wer das Datum nennt, macht aus der Natur eine Entscheidung. Und über Entscheidungen kann man neu entscheiden. Wenn das Regierungsprogramm einer Schulsport-Reform vorhält, durch sie »werden die Kinder dem Leistungsgedanken entfremdet«, hilft die ruhige Frage: Seit wann besteht diese Nähe? Wer hat sie gestiftet? Die Frage erledigt das Pathos, ohne zu streiten. Zweite Frage: Selbst wenn etwas natürlich wäre — wäre es deshalb gut? Krankheit ist natürlich. Impfung nicht. Niemand folgert daraus, das Natürliche sei vorzuziehen. Wer beide Fragen im Kopf hat, durchschaut auch den doppelten Gebrauch des Musters: Mal gebietet die Natur den Eingriff, mal verbietet sie ihn — je nach Bedarf. Wichtig bleibt der Ton. Viele, die von natürlicher Ordnung sprechen, verteidigen ehrlich Vertrautes gegen zu schnellen Wandel. Sie sind nicht der Trick, den sie wiederholen. Vorbeugen heißt: die Beweislast zurückgeben. Die Natur hat nichts gefordert. Gefordert hat ein Mensch — und der schuldet Gründe. · Im direkten Schlagabtausch geht es schneller zu. Eine konkrete Natur-Behauptung steht im Raum und soll vor Publikum geöffnet werden — an der Aussage, ohne Vortrag. Die verlockendste Antwort ist die schwächste: der lange Gegenbeweis aus der Geschichte. Wer ausführlich erklärt, wie unterschiedlich Familien oder Erziehung früher waren, mag recht haben. Aber er streitet auf dem Feld des anderen — und akzeptiert dessen stille Annahme, die Naturfrage entscheide die Sache. Stärker ist, den Kurzschluss selbst zu treffen: »Selbst wenn das so natürlich wäre, wie Sie sagen — warum wäre es deshalb richtig? Krankheiten sind auch natürlich.« Dieser eine Satz passt in jede Redezeit. Dazu die Frage, die das Etikett öffnet: Woher wissen Sie, dass das Natur ist — und nicht bloß Gewohnheit? Wenn eine Programmforderung beklagt, Kinder würden »dem Leistungsgedanken entfremdet«, reicht die Rückfrage: Gibt es eine angeborene Bindung an Schulnoten? Wechselt das Muster die Richtung — man könne ja ohnehin nichts ändern —, hilft das Spiegeln der Doppelrolle: Eben noch gebot die Natur zu handeln. Jetzt verbietet sie es. Beides zusammen geht nicht. Eine Falle noch: der Streit ums große Weltbild. Wer aus einer einzelnen Behauptung eine Grundsatzdebatte über Biologie macht, verliert das Publikum. Am Ende soll ein Satz hängen bleiben: Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung verknüpft eine These, für die die Aussage selbst nur eingeschränkte Verantwortung einräumt (›mit verantwortlich‹), mit einer uneingeschränkten Forderung (›Stoppen Sie den Ausbau der Windenergie‹). Das Kompositum ›Schreddertod‹ personifiziert die Windkraftanlage als mechanischen Täter und verdichtet ein komplexes ökologisches Thema auf ein einziges, drastisches Bild. So entsteht der Eindruck einer eindeutigen Kausalkette, obwohl der Satz selbst nur von Mitverantwortung spricht.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage ›mit verantwortlich‹, weil ich mich damit rechtlich nicht angreifbar mache — aber ich fordere trotzdem den vollen Stopp, weil ich weiß, dass beim Zuhören nur das große Bild hängen bleibt, nicht die kleine Einschränkung. Ich wähle das Wort ›Schreddertod‹, weil es einen Film im Kopf startet: Rotorblätter, ein industrieller Fleischwolf mitten in der Natur. Kein Zuhörer denkt dabei an andere Ursachen für das Insektensterben — genau das will ich auch nicht. Ich brauche ein Bild, das Empörung erzeugt, bevor irgendjemand fragt, wie groß der Anteil der Windräder wirklich ist. So wird aus einem Abwägungsthema eine einfache Feindmarkierung: hier die Natur, dort die Turbine.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Satz gibt dem stillen Verlust im eigenen Garten – weniger Falter am Licht, weniger Fledermäuse an der Scheune – einen sichtbaren Täter: die Windräder am Feldrand, die sich Tag und Nacht drehen.

Für den, der ihn sagt: Der Satz erreicht sein politisches Ziel – Stopp des Windenergie-Ausbaus – ohne die selbst genannte Lieferpflicht einzulösen: Da Windräder nur ›mit verantwortlich‹ sind, bliebe eigentlich auch Gift und Lebensraumverlust zu klären. Das Bild vom ›Schreddertod‹ macht diesen Rest unsichtbar und liefert Zustimmung zur radikalen Forderung.

Die Bilanz: Übrig bleibt eine Ursache und eine Forderung – Stopp des Ausbaus –, während Pestizideinsatz und verschwundene Rückzugsräume aus der Rechnung fallen. Warum es im eigenen Garten wirklich stiller geworden ist, klärt der Satz nicht.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz verrät seinen eigenen Bruch: Er sagt, die Windräder seien ›mit verantwortlich‹ — also mitverantwortlich, nicht allein. Trotzdem fordert er im selben Atemzug, ›den Ausbau der Windenergie‹ ganz zu stoppen. Das Wort ›Schreddertod‹ macht aus einem Abwägungsproblem ein einziges Bild: die Maschine als Täter. Wer so schreibt, muss keine anderen Ursachen mehr nennen — das Bild allein trägt schon die ganze Schuld.

Insekten und Fledermäuse sterben — das ist wahr, und es trifft einen. Aber lesen Sie den Satz genau: Die Windräder sind nur ›mit verantwortlich‹, sagt er selbst. Trotzdem heißt es gleich: ›Stoppen Sie den Ausbau der Windenergie‹. Das Wort ›Schreddertod‹ malt die Maschine als Mörder. Genau deshalb bleibt kein Raum mehr für die Frage, was sonst noch zählt. Ein Wort, das so laut schreit, macht leises Nachdenken schwerer.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

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