Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Oliver Kirchner (AfD)

„Der deutsche Steuerzahler müsste sich mittlerweile als maximal besteuerte geduldete Altlast ohne Migrationshintergrund fühlen bei diesem ganzen Unsinn, den wir hier bezahlen“

Quelle

Sprecher
Oliver Kirchner (AfD)
Datum
2023-10-13
Quelle
Stenografischer Bericht 8/50 — Tagesordnungspunkt 23
Fundort
Plenarprotokoll 8/50, TOP 23
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/050stzg.pdf
Beleg-ID
fs-migr-1366

Kodierte sprachliche Mittel

SelbstviktimisierungTäter-Opfer-UmkehrBelastung (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Täter-Opfer-Umkehr: Das Machtverhältnis konkret machen: Wer kann wem tatsächlich etwas antun, wer trägt belegbar die Folgen? Die Umkehr lebt davon, dass niemand die realen Folgen vergleicht. · Wer trägt hier tatsächlich die Folgen — was ist dem angeblichen Opfer konkret geschehen, und was den anderen? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Selbstviktimisierung: Die Opferrolle an den realen Folgen messen: Wer öffentlich spricht, wird nicht verfolgt, sondern kritisiert — Kritik ist Teil der Freiheit, nicht ihr Ende. Bei Wiederholung das Muster benennen statt die Empörung zu bedienen. · Was ist dir konkret geschehen außer Widerspruch — und seit wann ist Kritik dasselbe wie Verfolgung? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Belastung (Argumentationsmuster): Wer diesem Argumentationsstrang vorbeugend die Wirkung nehmen will, hat ein anderes Ziel als jemand, der ihn im Moment eines Wortwechsels widerlegt: Es geht nicht darum, eine Person vorzuführen, die die Belastungs-Erzählung übernommen hat, sondern darum, dass sie die Konstruktion durchschaut, bevor die nächste Zahl sie wieder überzeugt – deshalb bleibt der Ton erklärend und fragend, nicht widerlegend. Der wirksamste Hebel ist deshalb nicht die Gegenzahl, sondern das Nachfragen: Wer erklärt, »Wir sind an den Kapazitätsgrenzen«, sollte gefragt werden, welche Kapazitätsgrenze genau gemeint ist – die Zahl der Lehrer, die Zahl der Klassenräume, das Budget? – und seit wann diese Grenze existiert. Dieselbe Frage passt auf schärfere Behauptungen: Wer vorrechnet, »70 % der Leute, die hier sind«, kämen nur wegen des Sozialsystems, sollte gefragt werden, woher diese Zahl stammt – nicht um zu widerlegen, sondern um sie dorthin zurückzuholen, wo sie geprüft werden kann. Zugleich lohnt der Blick auf die eigene Erfahrung: Wer erzählt, die Schwimmbad-Öffnungszeiten seien gekürzt worden oder der Kita-Platz fehle, hat oft recht mit dem Befund, nur die Ursachenzuschreibung ist verkürzt. Genau hier hilft ein Anknüpfen an gemeinsame Werte statt an Abgrenzung: eine Gesellschaft, die in ihre Infrastruktur investiert, kümmert sich auch um die eigenen Kinder und Alten – das eint mehr, als es trennt. Wer die fragende Person mit der AfD-Parole gleichsetzt, erreicht das Gegenteil: Sie fühlt sich abgestempelt statt gehört und verhärtet sich in der Erzählung, die man entkräften wollte. Die Frage »Was genau ist hier knapp – Geld oder politischer Wille, es bereitzustellen?« öffnet einen Raum, in dem die Antwort nicht mehr feststeht. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das vorbeugende Immunisieren: Die Behauptung steht bereits im Raum, vor Publikum, und muss live als das kenntlich gemacht werden, was sie ist – deshalb beginnt dieser Text nicht mit Verständnis, sondern mit der Benennung der Technik. Wenn behauptet wird, es »wandert ein Großteil der Zugewanderten direkt in die Sozialkassen ein und belastet diese, anstatt Entlastung zu bringen«, oder wenn eine Zahl wie »Fast jeder dritte Bürgergeld-Euro geht an Ausländer« fällt, lohnt zuerst die Faktenkorrektur: Was verschweigt diese Zahl – den Anteil der Erwerbstätigen unter denselben Menschen, den Bedarf einer alternden Gesellschaft an Arbeitskräften, die Kosten, die sie ohnehin trüge? Wirksamer als jede Einzelzahl zu kontern ist es, das Muster zu entlarven: »Sie zeigen mir eine Ausgabe und nennen sie das ganze Bild – wo bleibt die andere Seite der Bilanz?« Diese Entlarvung trifft härter als jede Gegenstatistik, weil sie die Konstruktion offenlegt statt sich auf ihrem Boden zu bewegen. Genau das ist die Falle: Wer mit eigenen Zahlen gegen dramatisierte Kollaps-Rhetorik anrennt, übernimmt bereits die Prämisse, dass hier eine reine Zahlenfrage verhandelt wird. Ebenso wenig hilft Empörung ohne Benennung – sie liefert nur die Kränkung, aus der sich die nächste Opferklage speist. Der Widerspruch liegt offen zutage, wo ein Redner selbst einräumt, Deutschland habe mehr Asylanträge angenommen »als die ganze Menschheit auf diesem Planeten zusammen«, während er im selben Atemzug von Konsequenzlosigkeit spricht – zwei Behauptungen, die sich widerlegen. Wer solche Sätze öffentlich nebeneinanderstellt, muss nicht empört sein, um zu gewinnen: Die Lücke selbst überzeugt. · Vorbeugen heißt: Menschen stark machen, bevor das Argument sie erreicht — oder kurz danach. Es geht nicht darum, jemanden zu widerlegen oder vorzuführen. Es geht darum, dass jemand die Masche selbst durchschaut, bevor ihn die nächste Zahl wieder überzeugt. Deshalb bleibt der Ton ruhig und fragend. Das beste Werkzeug ist die Nachfrage. Wer sagt: »Wir sind an den Kapazitätsgrenzen«, den kann man fragen: Welche Grenze genau? Zu wenig Lehrer? Zu wenig Räume? Zu wenig Geld? Und seit wann gibt es diese Grenze? Solche Fragen sind kein Angriff. Sie zwingen nur zur Genauigkeit — dort, wo vorher nur ein Gefühl von Überforderung war. Dieselbe Frage passt bei härteren Behauptungen: Wer vorrechnet, »70 % der Leute, die hier sind«, kämen nur wegen des Sozialsystems, den kann man fragen, woher diese Zahl stammt. Nicht um zu widerlegen — sondern damit die Zahl dorthin zurückmuss, wo man sie prüfen kann. Wichtig: die Erfahrung des Gegenübers ernst nehmen. Wer erzählt, dass das Schwimmbad kürzer öffnet oder der Kita-Platz fehlt, hat oft recht. Die Engpässe sind echt. Nur die Erklärung dafür ist zu kurz gedacht. Hier hilft ein gemeinsamer Wert: Ein Land, das in Schulen und Kitas investiert, kümmert sich auch um die eigenen Kinder und Alten. Das verbindet mehr, als es trennt. Ein Fehler wäre, das Gegenüber mit der AfD gleichzusetzen — wer sich abgestempelt fühlt, hört nicht mehr zu und glaubt der Erzählung erst recht. Am Ende hilft eine einfache Frage: »Was genau ist hier knapp – Geld oder politischer Wille, es bereitzustellen?« · Kontern heißt: Die Behauptung steht schon im Raum, andere hören zu — jetzt muss sie sofort als das erkennbar werden, was sie ist. Deshalb beginnt man nicht mit Verständnis, sondern benennt den Trick. Wenn jemand behauptet, es »wandert ein Großteil der Zugewanderten direkt in die Sozialkassen ein und belastet diese, anstatt Entlastung zu bringen«, oder eine Zahl fällt wie »Fast jeder dritte Bürgergeld-Euro geht an Ausländer« — dann lohnt zuerst die Frage: Was verschweigt diese Zahl? Wie viele dieser Menschen arbeiten? Wie dringend braucht ein alterndes Land Arbeitskräfte? Welche Kosten hätte es auch ohne Zuwanderung? Noch stärker als jede Gegenzahl wirkt es, das Muster selbst zu benennen: »Sie zeigen mir eine Ausgabe und nennen sie das ganze Bild – wo bleibt die andere Seite der Bilanz?« Dieser Satz trifft härter als jede Statistik, denn er legt den Bau des Arguments offen, statt sich auf dessen Spielfeld zu stellen. Genau das ist die Falle: Wer mit eigenen Zahlen gegen die Untergangs-Rhetorik anrennt, hat schon akzeptiert, dass es nur um Zahlen geht. Auch Empörung hilft nicht — sie liefert der Gegenseite nur die Kränkung für die nächste Opfer-Erzählung. Manchmal widerlegt sich das Argument sogar selbst: Ein Redner räumt ein, Deutschland habe mehr Asylanträge angenommen »als die ganze Menschheit auf diesem Planeten zusammen« — und beklagt im selben Atemzug, es geschehe nichts. Beides zusammen geht nicht. Wer solche Sätze nebeneinanderstellt, braucht keine Empörung. Die Lücke überzeugt von selbst.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung stilisiert den deutschen Steuerzahler durch ironische Amtssprache selbst zu einer entrechteten, geduldeten Randfigur und kehrt damit die tatsächlichen Machtverhältnisse zwischen Mehrheitsgesellschaft und Schutzsuchenden um. Diese Selbstviktimisierung lenkt von der eigentlichen Frage der Sozialleistungsverteilung ab und ersetzt sie durch ein Gefühl der Benachteiligung.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich leihe mir die Verwaltungssprache, die eigentlich für Migranten reserviert ist — »geduldet«, »Altlast«, »ohne Migrationshintergrund« als Merkmal wie sonst »mit« — und wende sie auf den deutschen Steuerzahler an. So klingt es, als sei die Mehrheitsgesellschaft die eigentlich Verwaltete, Fremdbestimmte, kaum Geduldete im eigenen Land. Diese Umkehrung fühlt sich wie eine Enthüllung an, obwohl sie nur ein rhetorischer Trick ist: Wer Steuern zahlt, hat hier alle Rechte, keine Duldung. Aber das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land ist stärker als jede Statistik über Leistungsempfänger.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Satz adelt die Verletzung: Wer sich als ›geduldete Altlast‹ sieht, hat amtlich, dass ihm Unrecht geschieht — das Gefühl, zu kurz zu kommen, bekommt Sprache und Bühne.

Für den, der ihn sagt: Die Selbst-Erniedrigungs-Formel bindet: Wer den Hörer zum Abfall erklärt, macht sich zum Einzigen, der ihn noch sieht — Empörung wird zu Loyalität, ohne dass eine Ausgabe benannt oder eine Lösung versprochen wäre.

Die Bilanz: Wer sich als Altlast versteht, hat als Rolle nur noch das Ertragen — oder den Protest an der Seite dessen, der das Wort geprägt hat. Zu prüfen, wohin das Geld wirklich fließt, ist in dem Bild nicht mehr vorgesehen; die Rente wird davon keinen Euro höher.

Ausgearbeitete Gegenrede

Das Zitat nennt den Steuerzahler selbst eine ›geduldete Altlast ohne Migrationshintergrund‹. Das Wort ›Altlast‹ steht sonst für Giftmüll oder Schrott — hier wird der Steuerzahler zum Abfall erklärt, den man nur noch duldet. Gleichzeitig bleibt ›diesem ganzen Unsinn‹ jede Konkretion schuldig: Welcher Unsinn, welche Ausgabe, welche Zahl? Die Aussage dreht die Rollen um — aus dem, der zahlt, wird der, der leidet, ohne dass ein einziger Fakt genannt wird.

Dass man sein Geld nicht einfach verschwinden sehen will — das verstehe ich gut. Aber schauen Sie sich das Wort genau an: ›geduldete Altlast‹. So nennt man Sondermüll, nicht Menschen, die arbeiten und Steuern zahlen. Wer sich selbst zum Abfall erklärt, den man nur noch duldet, braucht keinen Gegner mehr zu benennen — der Ärger sucht sich von allein ein Ziel. Und bei ›diesem ganzen Unsinn‹ bleibt der Satz jede Zahl schuldig. Wo ist die konkrete Ausgabe, über die wir reden? Ein Gefühl der Ungerechtigkeit heilt kein Wort wie ›Altlast‹ — nur eine echte Antwort auf die Frage, wofür Steuern ausgegeben werden.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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