Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Jan Scharfenort (AfD)

„Das ist genau das, was ich meine bei Ihnen: diese Verantwortungslosigkeit, dieses Imaginäre, Klimakatastrophe. Das nutzen Sie als Narrativ.“

Quelle

Sprecher
Jan Scharfenort (AfD)
Datum
2022-01-27
Quelle
Stenografischer Bericht 8/11 — Aktuelle Debatte Aktuelle Debatte Soziale Garantien gegen Energiepreisexplosion Stromnetzstabilität und -qualität sichern und mit den Anforderungen eines Industriestandorts in Einklang bringen - Blackout-Gefahr abwenden! Antrag Fraktion DIE LINKE - Drs. 8/640
Fundort
Plenarprotokoll 8/11, TOP 4
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/011stzg.pdf
Beleg-ID
fs-wirt-0406

Kodierte sprachliche Mittel

DelegitimierenKampfbegriffRealität (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Delegitimieren: Quelle und Sache trennen: Der Angriff auf die Instanz beantwortet die Sachfrage nicht. Die prüfbare Aussage von der angegriffenen Quelle lösen und für sich prüfen. · Angenommen, die Quelle wäre dir gleichgültig — stimmt der Inhalt? Worauf stützt sich deine Ablehnung der Sache selbst? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Realität (Argumentationsmuster): Vorbeugend gegen dieses Muster zu wappnen heißt nicht, einem Redner zu widersprechen, sondern ein Publikum mit einem Prüfwerkzeug auszustatten, bevor die nächste Realitäts-Beschwörung fällt — erklärend, ohne jemanden bloßzustellen, und vor allem: ohne die Alltagswahrnehmung der Zuhörer anzugreifen. Das ist die entscheidende Falle. Wer erklärt, die Sorgen seien bloß eingebildet, bestätigt das Muster — er liefert live den Beweis, dass die da oben die Erfahrung der Leute abtun. Ernst nehmen und prüfen sind aber zweierlei: Eine Wahrnehmung kann echt sein und trotzdem kein Maßstab für ein Landesgesetz. Die Immunisierung setzt beim Auswahlprinzip an. Auffällig ist nicht, dass sich jemand auf die Wirklichkeit beruft, sondern wann: Gilt die Statistik, wenn sie passt, und ist sie geschönt, wenn sie stört? Wo aus amtlichen Zahlen der Vorwurf wird, die Bürger hätten sich »gefälligst sicher zu fühlen«, ist die Statistik nicht widerlegt, sondern zum Feind erklärt. Die Nachfrage dazu lässt sich freundlich stellen: Woran erkennen wir gemeinsam, welche Wirklichkeit stimmt — was müsste passieren, damit die Behauptung als widerlegt gilt? Wer darauf keine Antwort hat, beruft sich nicht auf die Realität, sondern auf sein Recht, sie zu bestimmen. Hilfreich ist schließlich der Hinweis auf die Immunisierungs-Geste: Wenn jeder Widerspruch schon als Realitätsverweigerung gilt, kann das Argument gar nicht mehr verlieren — und ein Argument, das nicht verlieren kann, hat aufgehört, eines zu sein. Immunisieren heißt, dem Publikum den Unterschied einzuprägen zwischen einer Wirklichkeit, die man prüfen kann, und einer, die man nur noch glauben soll. · Der Konter im Moment der Konfrontation hat ein anderes Ziel als das vorbeugende Erklären: Eine konkrete Realitäts-Behauptung steht im Raum und muss vor Publikum geprüft werden, ehe sie sich als das Selbstverständliche festsetzt — direkter, an der Aussage, nicht am Muster. Die erste Regel: den Boden nicht betreten, auf dem nur noch Gefühl gegen Gefühl steht. Wer der beschworenen Wirklichkeit bloß die eigene entgegenhält, hat die Prämisse übernommen, dass Beschwören genügt. Stärker ist, die Geste zu benennen: »Sie sagen offenkundig und wie allen bekannt — das sind Formeln, die einen Beleg ersetzen sollen. Welche Zahl, welche Quelle, welcher Fall?« Wo die Statistik pauschal als geschönt abgetan wird, lohnt der Blick auf die Rosinen-Auswahl: Dieselbe Rede, die amtliche Zahlen verwirft, zitiert sie im nächsten Satz, wenn sie passen — diese Unstimmigkeit vor Publikum sichtbar zu machen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Behauptet jemand schlicht Falsches — wie einen Krieg, der »seit Anfang Januar beendet« sei —, genügt die knappe Richtigstellung mit Quelle, ohne Triumph: Empörung würde nur die Erzählung nähren, das Establishment wolle die Wahrheit unterdrücken. Und gegen die Dauer-Immunisierung hilft ein Satz, der die Falle selbst ausspricht: »Wenn jeder Widerspruch Realitätsverweigerung ist, kann Ihre These nie falsch sein — nach welchem Kriterium prüfen wir sie dann?« Der Konter sitzt, wenn das Publikum gesehen hat: Hier wurde Wirklichkeit nicht gezeigt, sondern besetzt. · Wer vorbeugen will, will nicht einem Redner widersprechen. Er will Zuhörern ein Prüfwerkzeug geben, bevor die nächste Realitäts-Beschwörung fällt. Deshalb: erklären, niemanden vorführen — und vor allem die Alltagserfahrung der Menschen nicht angreifen. Das ist die größte Falle. Wer sagt, die Sorgen seien nur eingebildet, beweist live den Vorwurf: Die da oben tun die Erfahrung der Leute ab. Ernst nehmen und prüfen sind aber zwei verschiedene Dinge. Eine Wahrnehmung kann echt sein — und trotzdem kein Maßstab für ein Gesetz. Der Kern der Vorbeugung ist eine einfache Frage. Nicht: Beruft sich da jemand auf die Wirklichkeit? Sondern: Wann tut er es? Gilt die Statistik, wenn sie passt? Und ist sie geschönt, wenn sie stört? Wo aus amtlichen Zahlen der Vorwurf wird, die Bürger hätten sich »gefälligst sicher zu fühlen«, da wird die Statistik nicht widerlegt. Sie wird zum Feind erklärt. Dazu passt eine freundliche Nachfrage: Woran erkennen wir gemeinsam, welche Wirklichkeit stimmt? Was müsste passieren, damit die Behauptung als widerlegt gilt? Wer darauf keine Antwort hat, beruft sich nicht auf die Realität. Er beansprucht das Recht, sie festzulegen. Ein letzter Hinweis hilft: Wenn jeder Widerspruch als Realitätsverweigerung gilt, kann das Argument nie verlieren. Und ein Argument, das nie verlieren kann, ist keines mehr. Vorbeugen heißt: den Unterschied einprägen zwischen einer Wirklichkeit, die man prüfen kann, und einer, die man nur glauben soll. · Im direkten Streit ist das Ziel ein anderes. Eine konkrete Behauptung steht im Raum. Sie muss vor Publikum geprüft werden, bevor sie als selbstverständlich durchgeht — direkt und an der Aussage. Die erste Regel: nicht Gefühl gegen Gefühl setzen. Wer der beschworenen Wirklichkeit nur die eigene entgegenhält, hat schon verloren. Er akzeptiert die stille Annahme, dass Beschwören genügt. Stärker ist, die Geste zu benennen: »Sie sagen offenkundig und wie allen bekannt — das sind Formeln, die einen Beleg ersetzen sollen. Welche Zahl, welche Quelle, welcher Fall?« Werden amtliche Zahlen pauschal als geschönt abgetan, hilft der Blick auf die Rosinen-Auswahl. Dieselbe Rede verwirft die Statistik — und zitiert sie im nächsten Satz, wenn sie passt. Diesen Widerspruch sichtbar zu machen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Ist eine Behauptung schlicht falsch — etwa ein Krieg, der »seit Anfang Januar beendet« sei —, reicht die knappe Richtigstellung mit Quelle. Ohne Triumph. Empörung nährt nur die Erzählung, das Establishment wolle die Wahrheit unterdrücken. Und gegen die Dauer-Abwehr hilft ein Satz, der die Falle selbst ausspricht: »Wenn jeder Widerspruch Realitätsverweigerung ist, kann Ihre These nie falsch sein — nach welchem Kriterium prüfen wir sie dann?« Der Konter sitzt, wenn das Publikum gesehen hat: Hier wurde Wirklichkeit nicht gezeigt. Hier wurde sie besetzt.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung entzieht dem Begriff "Klimakatastrophe" seinen Tatsachengehalt, indem sie ihn als "Narrativ" einordnet — ein Wort, das im Alltagsgebrauch für konstruierte, interessengeleitete Erzählungen steht, nicht für belegte Sachverhalte. Zusammen mit "Imaginäres" und "Verantwortungslosigkeit" wird die wissenschaftlich breit gestützte Aussage über Erwärmungsfolgen so umgedeutet, als handle es sich um eine bewusst inszenierte Behauptung des politischen Gegners. Damit muss sich der Sprecher inhaltlich nicht mehr mit den Fakten auseinandersetzen, sondern kann die Debatte auf die Ebene der unterstellten Absicht verlagern.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage nicht, dass die Erwärmung nicht stattfindet — das wäre zu leicht zu widerlegen. Ich sage stattdessen "Narrativ", und schon habe ich das Spielfeld gewechselt: nicht mehr, ob etwas wahr ist, sondern wer es warum erzählt. "Imaginär" schiebt es endgültig ins Reich der Einbildung, obwohl es um Messreihen und Modelle geht, keine Fantasie. Wer mir jetzt widerspricht, verteidigt keine Fakten mehr, sondern eine Geschichte — und Geschichten kann man ablehnen, ohne sich mit einem einzigen Beleg auseinanderzusetzen. Die "Verantwortungslosigkeit" werfe ich dabei nicht der Erwärmung vor, sondern denen, die davor warnen. So drehe ich die Beweislast um, ohne je ein Gegenargument liefern zu müssen.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Wer sich von Klimapolitik bevormundet fühlt, bekommt ein Gefühl von Durchblick angeboten: Nicht er wird getäuscht, sondern er durchschaut, dass andere mit einer ›Erzählung‹ arbeiten. Das fühlt sich nach eigenständigem Denken an — mit den zugrunde liegenden Messreihen setzt es sich nicht auseinander.

Für den, der ihn sagt: Indem der Sprecher die Erwärmung als ›Narrativ‹ einordnet, muss er sich mit keinem einzigen Beleg auseinandersetzen — er verschiebt die Debatte von der Sachebene auf die Ebene unterstellter Absicht. Das delegitimiert die politische Konkurrenz als Erzähler einer Geschichte, ohne dass der Sprecher selbst etwas beweisen müsste.

Die Bilanz: Ohne dass ein einziges Klimaargument widerlegt wäre, verengt sich die Debatte auf die Frage, wer wem eine Geschichte erzählt — die eigentlichen Messdaten fallen als Ansprechpunkt aus dem Gespräch. Das Vertrauen fällt dem zu, der sich als der Nüchterne unter den Erzählern präsentiert.

Begriffe in dieser Aussage

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