Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Jan Scharfenort (AfD)

„Dabei schaffen Sie unproduktive Arbeitsplätze - nein besser: Sitzplätze - für - ich nenne sie einmal so - Geschwätzwissenschaftler.“

Quelle

Sprecher
Jan Scharfenort (AfD)
Datum
2021-11-19
Quelle
Stenografischer Bericht 8/7 — Beratung Niemand soll frieren - Energiepreise jetzt deckeln, Mehrwertsteuer senken!
Fundort
Plenarprotokoll 8/7, TOP 5
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/007stzg.pdf
Beleg-ID
fs-wirt-1321

Kodierte sprachliche Mittel

KampfbegriffLeistung / Meritokratie (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Leistung / Meritokratie (Argumentationsmuster): Dieser Text wappnet vorbeugend, bevor die Rechnung im Gespräch überhaupt aufgemacht wird – deshalb erklärt er den Mechanismus, statt ihn im Moment zu widerlegen, und verzichtet bewusst darauf, die Person mit der Parole gleichzusetzen: Wer das Bild vom mühsam verdienten Brötchen einleuchtend findet, denkt nicht automatisch in Kategorien der AfD, sondern reagiert auf ein Rechenbild, das absichtlich einfach gehalten ist. Genau hier setzt die Erklärung an: Wenn es heißt, »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat«, suggeriert das einen Verlust an einen fremden Dritten – nicht eine gemeinsame Finanzierung von Schulen, Straßen, Polizei, Krankenhäusern, also genau der Infrastruktur, die Menschen, die »morgens um 5 Uhr aufstehen«, überhaupt zur Arbeit kommen lässt. Das ist entlarven in seiner ruhigsten Form: nicht die Person widerlegen, sondern die Technik benennen, mit der ein Bild seine eigene Lücke verschweigt. Wer nachfragt – wie meinen Sie das genau, welche staatlichen Leistungen nutzen Sie selbst? – öffnet die Rechnung, die das Bild künstlich geschlossen hält, und wirkt vorbeugend gerade deshalb gut, weil sie niemanden bloßstellt. Dieselbe Verengung steckt in der »Bringepflicht«: Spracherwerb wird als reine Bringschuld gerahmt, als ob es keine Gegenleistung des Staates gäbe – Kurse, Lehrer, Zugang, ohne die aus einer Pflicht eine Überforderung wird. Wer stattdessen von wechselseitiger Verpflichtung spricht, nimmt der Formel nicht ihre Berechtigung, sondern ihre Einseitigkeit. Das Ziel ist nicht, Leistung kleinzureden, sondern zu zeigen, dass Leistung auf etwas aufbaut, das vorher gemeinsam geschaffen wurde – wer das ausblendet, redet nicht mehr über Fairness, sondern über eine Fiktion von Unabhängigkeit, die niemand tatsächlich lebt. · Dieser Text wirkt im Moment der Konfrontation – deshalb entlarvt er die Rechentechnik direkt, benennt die Lücke vor Publikum und bleibt bei der Aussage, nicht bei der Person, weil Empörung ohne Benennung hier nur die Opferpose füttern würde. Roi rechnet vor: Der Bürger stehe »morgens um 5 Uhr« auf und verdiene sich »ihr halbes Brötchen mühsam«, während »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat« – ein Bild, das so tut, als würde diese Hälfte einfach verschwinden. Genau das ist der Trick: Es wird nicht gesagt, wohin sie geht. Die Gegenfrage liegt offen: Wer bezahlt die Straße, die Schule, die Polizei, die diesen Bürger schützt? Das lässt sich knapp zuspitzen: »Die zweite Brötchenhälfte ist nicht weg – sie kommt als Straße, Schule und Polizei zurück. Nur das wird hier nicht erzählt.« Das Bild lebt davon, dass diese Rückflüsse unsichtbar bleiben; sobald man sie benennt, kippt die Rechnung, und aus der vermeintlichen Enteignung wird wieder eine Umlage, die dem Rechner selbst zugutekommt. Bei der »Bringepflicht« liegt der Trick woanders: Ein Lernprozess, der Zeit, Zugang und gute Angebote braucht, wird zur einseitigen Bringschuld erklärt – als hinge das Gelingen allein am Willen der Lernenden, nie an der Qualität der Kurse. Wer das offenlegt – eine Pflicht ohne Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Verweigerung der Gegenleistung – zeigt, dass der Leistungsbegriff hier nicht Fairness meint, sondern eine Einbahnstraße. Wichtig ist die Grenzziehung: Nicht der Fleiß der Bürger steht infrage, sondern die Behauptung, Gemeinwesen ließen sich auf individuelle Kontoauszüge herunterrechnen – wer das klarstellt, entzieht der Rechnung ihre Kraft, ohne das Publikum gegen sich aufzubringen. · Dieser Text wappnet vorbeugend — bevor die Rechnung im Gespräch überhaupt aufgemacht wird. Deshalb erklärt er den Trick, statt ihn im Moment zu widerlegen. Und er setzt die Person bewusst nicht mit der AfD-Parole gleich: Wer das Bild vom mühsam verdienten Brötchen einleuchtend findet, denkt nicht automatisch in Kategorien der AfD. Er reagiert nur auf ein Rechenbild, das absichtlich einfach gehalten ist. Genau hier setzt die Erklärung an. Wenn es heißt, »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat«, klingt das nach einem Verlust an einen fremden Dritten. Nicht nach einer gemeinsamen Finanzierung von Schulen, Straßen, Polizei, Krankenhäusern — also genau der Infrastruktur, die Menschen, die »morgens um 5 Uhr aufstehen«, überhaupt zur Arbeit kommen lässt. Das ist Entlarven in seiner ruhigsten Form: nicht die Person widerlegen, sondern die Technik benennen, mit der ein Bild seine eigene Lücke verschweigt. Wer nachfragt — Wie meinen Sie das genau? Welche staatlichen Leistungen nutzen Sie selbst? — öffnet die Rechnung, die das Bild künstlich geschlossen hält. Und wirkt gerade deshalb vorbeugend gut, weil niemand bloßgestellt wird. Derselbe Trick steckt in der »Bringepflicht«: Spracherwerb wird als reine Bringschuld dargestellt, so als gäbe es keine Gegenleistung des Staates — Kurse, Lehrer, Zugang. Ohne die wird aus einer Pflicht eine Überforderung. Wer stattdessen von einer gegenseitigen Pflicht spricht, nimmt der Formel nicht ihre Berechtigung, sondern nur ihre Einseitigkeit. Es geht nicht darum, Leistung kleinzureden. Es geht darum zu zeigen: Leistung baut auf etwas auf, das vorher gemeinsam geschaffen wurde. Wer das ausblendet, redet nicht mehr über Fairness — sondern über eine Fiktion von Unabhängigkeit, die niemand wirklich lebt. · Dieser Text wirkt im Moment der Konfrontation — deshalb entlarvt er die Rechentechnik direkt, benennt die Lücke vor Publikum und bleibt bei der Aussage, nicht bei der Person. Empörung ohne Benennung würde hier nur die Opferpose füttern. Roi rechnet vor: Der Bürger stehe »morgens um 5 Uhr« auf und verdiene sich »ihr halbes Brötchen mühsam«, während »die andere Hälfte des Brötchens geht« »an den Staat« — ein Bild, das so tut, als würde diese Hälfte einfach verschwinden. Genau das ist der Trick: Es wird nicht gesagt, wohin sie geht. Die Gegenfrage liegt offen: Wer bezahlt die Straße, die Schule, die Polizei, die diesen Bürger schützt? Kurz gesagt: »Die zweite Brötchenhälfte ist nicht weg – sie kommt als Straße, Schule und Polizei zurück. Nur das wird hier nicht erzählt.« Das Bild lebt davon, dass diese Rückflüsse unsichtbar bleiben. Sobald man sie benennt, kippt die Rechnung — und aus der angeblichen Enteignung wird wieder eine Umlage, die dem Rechner selbst zugutekommt. Bei der »Bringepflicht« liegt der Trick woanders: Ein Lernprozess, der Zeit, Zugang und gute Angebote braucht, wird zur einseitigen Bringschuld erklärt — als hinge das Gelingen allein am Willen der Lernenden, nie an der Qualität der Kurse. Wer das offenlegt — eine Pflicht ohne Angebot ist keine Pflicht, sondern eine Verweigerung der Gegenleistung — zeigt: Der Leistungsbegriff meint hier keine Fairness, sondern eine Einbahnstraße. Wichtig ist die Grenze: Nicht der Fleiß der Bürger steht infrage. Sondern die Behauptung, ein Gemeinwesen ließe sich auf individuelle Kontoauszüge herunterrechnen. Wer das klarstellt, entzieht der Rechnung ihre Kraft — ohne das Publikum gegen sich aufzubringen.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung überträgt betriebswirtschaftliches Effizienzvokabular pauschal auf den Staatssektor und verzichtet dabei bewusst auf jede Differenzierung nach Funktion — Lehrer, Polizei und Verwaltung fallen unter denselben Verdacht. Die Selbstkorrektur von »Arbeitsplätze« zu »Sitzplätze« und der Spottbegriff »Geschwätzwissenschaftler« steigern die Abwertung schrittweise und suggerieren Untätigkeit und Verschwendung, ohne dass ein einziger Beleg für mangelnde Produktivität angeführt wird.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage zuerst »unproduktiv« — das klingt nach nüchterner Wirtschaftsprüfung, nach einer Zahl, die ich gar nicht vorlegen muss. Dann korrigiere ich mich scheinbar spontan zu »Sitzplätze«, als wäre mir gerade erst die treffendere Formulierung eingefallen — dabei ist genau das der Witz: Ich will, dass das Bild vom Herumsitzen hängen bleibt, nicht die Debatte über tatsächliche Aufgaben. Wer im Staatsdienst arbeitet, wird so zur Person, die nichts leistet, ganz gleich ob sie unterrichtet, patrouilliert oder Anträge bearbeitet — ich differenziere absichtlich nicht, denn jede Ausnahme würde meinen Generalverdacht schwächen. Mit »Geschwätzwissenschaftler« liefere ich der Verachtung noch ein Feindbild, gegen das sich schwer differenziert argumentieren lässt, ohne selbst ins Rechtfertigen zu geraten. So brauche ich keine einzige Zahl zur Produktivität des öffentlichen Dienstes — das Wort erledigt die Arbeit, die eigentlich eine Analyse leisten müsste.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung bildet aus »Geschwätz« und »Wissenschaftler« ein Kompositum, das wissenschaftliche und beratende Tätigkeit vorab als bloßes Reden entwertet, noch bevor ein Argument fällt. Der Kunstbegriff wird zusätzlich durch den Kontrast zu »unproduktive[n] Arbeitsplätze[n]« bzw. »Sitzplätze[n]« gerahmt, wodurch geistige Arbeit gegen einen unausgesprochenen Maßstab »echter«, produktiver Arbeit ausgespielt wird. So wird fachliche Expertise nicht inhaltlich widerlegt, sondern durch Spott vorab delegitimiert.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich muss kein einziges Argument dieser Leute widerlegen, wenn ich ihnen schon den Namen nehme. »Geschwätzwissenschaftler« klingt wie ein Fachbegriff, ist aber ein Urteil, das im Wort selbst steckt: Was die sagen, ist Geschwätz, keine Erkenntnis. Ich setze noch den Kontrast dazu — »unproduktive Arbeitsplätze«, korrigiere mich sogar zu »Sitzplätze«, als hätte ich gerade erst die treffendere, entlarvende Formulierung gefunden. So stelle ich stillschweigend die Frage: Was schaffen die eigentlich, außer zu reden? Wer für diese Berater argumentiert, verteidigt scheinbar schon Müßiggang gegen echte Arbeit. Ich brauche keine Studie zu widerlegen — ich habe ja nur einen Spitznamen vergeben.

Begriffe in dieser Aussage

Weitere Fundstellen zum Thema wirtschaft