Natürlichkeit
Beschreibung
Beruft sich auf eine vermeintlich natürliche Ordnung/Beschaffenheit (Geschlecht, Hierarchie, Natur/Klima) als Maßstab. Erdung: »argument from nature«. Abgrenzung zur Technik naturalisieren (= der Akt des Natürlich-Setzens). E15.
Unausgesprochener Obersatz
Weil etwas von Natur aus so ist, ist ein Eingriff geboten — oder sinnlos.
Erläuterung
Neutral gebraucht ist der Natur-Topos zunächst berechtigt: Politik kann sich über manche Gegebenheiten nicht hinwegsetzen — Biologie, Geografie, menschliche Grundbedürfnisse setzen reale Grenzen, und ein Argument, das auf sie hinweist, ist nicht automatisch verdächtig. Seine Wirkung bezieht der Topos aus einer doppelten Autorität des Natürlichen: Es wirkt unabänderlich — gegen Naturgesetze streitet niemand — und zugleich gut, gesund, bewährt. Wer seine Position als die natürliche ausgibt, muss sie nicht mehr begründen; die Natur hat scheinbar schon entschieden, und der Gegner steht als jemand da, der gegen die Natur anrennt. Manipulativ wird der Topos durch einen alten Kurzschluss: den Schluss vom Sein aufs Sollen. Aus einer — oft nur behaupteten — Naturbeschaffenheit wird eine politische Vorschrift, oder umgekehrt die Sinnlosigkeit jedes Eingriffs. Verdeckt bleibt dabei, dass fast alles, was als natürliche Ordnung auftritt — Geschlechterrollen, Familienformen, Leistungsdenken, Rangordnungen —, historisch gewachsen und veränderbar ist: Das Etikett Natur adelt eine Vorliebe zur Notwendigkeit. Und die Doppelverwendbarkeit macht das Muster beliebig: Dieselbe Natur gebietet mal den Eingriff, um die Ordnung zu schützen, und verbietet ihn mal, weil sich ohnehin nichts ändern lasse — je nachdem, was gerade gefordert wird.
Gegenrede — Immunisieren (vorbeugend)
Die vorbeugende Gegenrede hat hier ein bescheidenes, aber wirksames Ziel: dem Publikum ein Ohr für das Wort natürlich einzupflanzen, bevor es als Argument durchgeht — erklärend und ohne die Person anzugreifen, denn anders als beim Konter steht keine einzelne Aussage zur Prüfung, sondern eine Denkgewohnheit. Zwei Fragen genügen als Ausstattung. Die erste: Ist das wirklich Natur — oder Gewohnheit? Vieles, was als ewige Ordnung auftritt, hat ein Geburtsdatum; wer es benennt, macht aus der Natur eine historische Entscheidung, über die sich neu entscheiden lässt. Wenn das Regierungsprogramm einer Schulsport-Reform vorhält, durch sie »werden die Kinder dem Leistungsgedanken entfremdet«, lässt sich ruhig fragen, seit wann diese Nähe denn besteht und wer sie gestiftet hat — die Frage erledigt das Pathos, ohne zu streiten. Die zweite: Selbst wenn etwas natürlich wäre — folgt daraus, dass es gut ist? Krankheit ist natürlich, Impfung nicht; niemand zieht daraus die Regel, das Natürliche sei vorzuziehen. Wer beide Fragen im Kopf hat, erkennt auch die Doppelverwendung des Musters: Mal gebietet die Natur den Eingriff, mal verbietet sie ihn — je nachdem, was gerade gefordert wird. Wichtig bleibt der Ton: Menschen, die von natürlichen Ordnungen sprechen, verteidigen oft ehrlich Vertrautes gegen das Tempo der Veränderung; sie sind nicht das Muster, das sie zitieren. Immunisieren heißt, die Beweislast zurückzuschieben: Die Natur hat nichts gefordert — gefordert hat ein Mensch, und der schuldet Gründe.
Gegenrede — Kontern (im Moment der Konfrontation)
Im direkten Schlagabtausch verschiebt sich das Ziel: Nicht eine Denkgewohnheit soll vorbeugend geimpft, sondern eine konkrete Natur-Behauptung vor Publikum geöffnet werden — schnell, an der vorliegenden Aussage, ohne Seminarton. Die verlockendste Antwort ist zugleich die schwächste: der lange Gegenbeweis aus der Naturgeschichte. Wer ausführt, wie vielfältig Familienformen oder Erziehungsideale historisch waren, mag recht haben — aber er streitet auf dem Feld, das der andere gewählt hat, und übernimmt dessen Prämisse, die Naturfrage entscheide die Sache. Stärker ist, den Kurzschluss selbst zu treffen: »Selbst wenn das so natürlich wäre, wie Sie sagen — warum wäre es deshalb richtig? Krankheiten sind auch natürlich.« Dieser eine Satz passt in jede Redezeit. Dazu die Nachfrage, die das Etikett öffnet: Woher wissen Sie, dass das Natur ist und nicht bloß Gewohnheit? Wenn eine Programmforderung beklagt, Kinder würden »dem Leistungsgedanken entfremdet«, genügt die Rückfrage, ob es eine angeborene Bindung an Schulnoten gibt. Und wo das Muster in seine zweite Gestalt wechselt — man könne ohnehin nichts ändern —, hilft das Spiegeln der Doppelrolle: Eben noch gebot die Natur zu handeln, jetzt verbietet sie es; beides zusammen geht nicht. Die Falle, die es zu meiden gilt, ist die Eskalation ins Weltanschauliche: Wer den Streit über eine einzelne Behauptung zur Generaldebatte über Biologie macht, verliert das Publikum. Der Konter sitzt, wenn ein einziger Satz hängen bleibt: Aus dem, was ist, folgt noch nicht, was sein soll.
Konter-Ansatz
Den Sein-Sollen-Sprung benennen: Aus ›so ist es (angeblich) von Natur‹ folgt kein ›so soll es sein‹ — und die Naturbehauptung selbst ist meist eine gesellschaftliche Setzung im Naturkostüm.
Gegenfrage
Selbst wenn es ›natürlich‹ wäre — warum wäre es damit auch richtig? Und wer hat entschieden, was hier als Natur gilt?
Konter-Evidenz
eigenuebertrag
Wissenschaftlicher Hintergrund
Hume, David (1739/40): A Treatise of Human Nature, Buch III — das Sein-Sollen-Problem (»Humes Gesetz«): Aus deskriptiven Aussagen folgt keine normative; Moore, George Edward (1903): Principia Ethica — der naturalistische Fehlschluss, Gutes mit natürlichen Eigenschaften gleichzusetzen. Der Natur-Topos ist die diskurspraktische Form dieses Fehlschlusses (»argumentum ad naturam«).
Hier trainierst du die Gegenrede dagegen
Beleg-Beispiele (177)
- „Dabei braucht jedes Kind Vater und Mutter in der gesamten Kindheit.“
- „Die rechtschreibwidrige Gendersprache lehnen wir als politisches Umerziehungsprojekt ab, das darauf abzielt, die natürliche und historisch gewachsene …“
- „Die Schule muss den Kindern die normale Familie bestehend aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen, als Vorbild vermitteln.“
- „Die deutsche Kultur bildet die Grundlage unserer nationalen Identität und den verbindenden Rahmen unserer gewachsenen gesellschaftlichen Ordnung. Sie verdient …“
- „Moratorium Windkraft! Flächenzwang beenden - Wald und Naturschutzgebiete vor Windindustrialisierung schützen“
- „Aktuell herrscht eine starke Tendenz zur Nivellierung der Bildungsstandards und zur Vereinheitlichung des Bildungssystems. Eine Auswahl der Schüler nach …“
- „In allen Fragen zu Bildung und Erziehung der Kinder müssen die Eltern das letzte Wort haben. Wir wenden uns entschieden gegen alle Versuche des Staates, sich …“
- „Es gibt jedoch Gesellschaftsbereiche, die an sich unpolitisch sind und bei denen die Anwendung des Demokratieprinzips nicht sachgerecht wäre. Wir widersprechen …“
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