Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Thomas Höse (AfD)

„Täglich toben sich unsere neuen Spezialisten und Fachkräfte bei Raub, Vergewaltigung und Mord aus und drängen damit Ermittlungsbehörden, Gerichte und Justizvollzug an den Rand der Belastbarkeit.“

Quelle

Sprecher
Thomas Höse (AfD)
Datum
2018-06-21
Quelle
Stenografischer Bericht 7/51 — Zweite Beratung Personalstrategie in der Justiz - Die Dritte Gewalt im Land SachsenAnhalt auf tragfähige Füße stellen
Fundort
Plenarprotokoll 7/51, TOP 19
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp7/051stzg.pdf
Beleg-ID
fs-demo-0585 · Absatz aus fs-demo-abs-0372

Kodierte sprachliche Mittel

PauschalisierenKampfbegriffNaturalisierenDramatisieren / DammbruchGefahr & Bedrohung (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Naturalisieren: Den Sein-Sollen-Sprung benennen: Aus ›so ist es von Natur‹ folgt kein ›so soll es sein‹ — und die Naturbehauptung ist meist eine gesellschaftliche Setzung im Naturkostüm. · Woher weißt du, dass das Natur ist und nicht Gewohnheit — und selbst wenn: warum wäre es damit richtig? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Pauschalisieren: Das ›die‹ auflösen (wer konkret?), die Stichprobe prüfen und Gegenbeispiele benennen — der Schluss vom Einzelnen auf das Wesen einer Gruppe ist der klassische Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. · Auf wie vielen Fällen beruht das — und gilt es für alle oder für Einzelne, die man benennen kann? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Dramatisieren / Dammbruch: Die behauptete Kette Schritt für Schritt prüfen und die Gegenkräfte benennen, die sie stoppen — den Katastrophen-Rahmen dabei nicht nacherzählen, sondern nüchtern verkleinern. · Führt wirklich jeder Schritt zwingend zum nächsten — und welche Kräfte würden die Kette längst stoppen? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Gefahr & Bedrohung (Argumentationsmuster): Wer vorbeugend gegen dieses Muster wappnen will, muss zuerst den Unterschied zum Kontern klarmachen: Es geht nicht darum, eine Person bloßzustellen, sondern darum, dass ein Publikum die Konstruktion selbst erkennt, bevor sie greift — deshalb erklärend, an der Sache orientiert, nie an der Person, die die Parole gerade wiederholt. Der Argumentationsstrang Gefahr lebt davon, dass er einzelne Taten zu einem Kollektivmerkmal verdichtet; genau hier setzt die Übersetzung an, die dem Publikum die Mechanik zeigt, statt sie zu wiederholen. Eine Formulierung wie »Wie meinen Sie das genau — welche Taten, welche Täter, wie viele?« zwingt jede pauschale Bedrohungserzählung, sich an der Wirklichkeit zu messen; das Nachfragen wirkt stärker als jede Gegenstatistik, weil es die Leerstelle dem Sprecher selbst zur Füllung überlässt. Das Muster zeigt sich besonders klar dort, wo dieselbe Rede zwei gegenläufige Behauptungen — Gewalt gegen Migranten sei kein Problem, wohl aber die Gewalt, die von ihnen ausgehe — nebeneinanderstellt, ohne dass die Asymmetrie benannt wird; genau diese Lücke lässt sich ruhig aufzeigen, ohne dem Gegenüber eine Absicht zu unterstellen. Wichtig ist dabei, die unentschlossene Person nie mit der Parole gleichzusetzen — sonst verhärtet sie sich, statt zuzuhören; das Ziel ist ihr Zweifel, nicht ihre Beschämung. Stattdessen hilft der Verweis auf einen gemeinsamen Wert: Sicherheit ist ein legitimes Anliegen, das gerade durch pauschale Verdächtigung nicht gewonnen wird, sondern durch Differenzierung. Immunisieren heißt, Einzelfall und Kollektiv auseinanderzuhalten, bevor die nächste Dramatisierung — »bei denen sich Ihnen die Nackenhaare hochstellen« — überhaupt verfängt. Am Ende steht kein Widerlegen einer Behauptung, sondern ein geschärftes Ohr für die Verschiebung von der Tat zur Gruppe. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das Immunisieren: Eine konkrete Aussage steht im Raum, die live entlarvt werden muss, vor Publikum, mit der Uhr, die tickt — deshalb direkter, zugespitzter, auf die vorliegende Aussage bezogen statt auf das allgemeine Muster. Die stärkste Antwort besteht nicht darin, die Statistik der Gegenseite mit einer eigenen Statistik zu kontern — das hieße, deren Prämisse zu übernehmen, dass Sicherheit tatsächlich eine Frage der Herkunft sei —, sondern die Technik selbst zu benennen: »Sie machen aus einzelnen Straftaten ein Gruppenmerkmal, das ist keine Sicherheitsanalyse, das ist eine Erzählung.« Wenn eine Rede offen behauptet, sie habe kein Problem mit Gewalt gegen Migranten, wohl aber mit »der Gewalt, die von Migranten ausgeht«, liegt der Widerspruch auf der Hand — hier lohnt es, diese Asymmetrie öffentlich zu spiegeln, statt sich in eine Aufrechnung von Opferzahlen ziehen zu lassen. Die Forderung, »die Festung Deutschland zu bauen«, verdient eine ebenso direkte Reaktion: Sie beschreibt keine Sicherheitspolitik, sondern eine Kapitulation vor der eigenen Dramatisierung — »Eine Festung schützt niemanden vor einer Straftat, die in der Festung selbst passiert«. Auch wo eine Behauptung nur zu befürchten steht, ohne einen Fall zu nennen, lohnt die knappe Nachfrage nach dem Beleg. Entscheidend ist, nicht in Empörung zu kippen, sondern die Engführung sachlich offenzulegen: Wer aus »ihr Unwesen treiben« eine politische Forderung ableitet, hat die Beweislast nie erbracht, nur die Sprache vorweggenommen. Kontern heißt, dem Publikum in Echtzeit zu zeigen, dass die Bedrohungserzählung selbst das Argument ist — ein Satz, der stehen bleibt, wenn das Gespräch längst weitergezogen ist. · Vorbeugen hat ein anderes Ziel als Kontern: Es geht nicht darum, eine Person bloßzustellen. Es geht darum, dass ein Publikum die Konstruktion selbst erkennt, bevor sie wirkt. Deshalb bleibt der Ton erklärend, sachbezogen. Er richtet sich nie gegen die Person, die die Parole gerade wiederholt. Der Argumentationsstrang Gefahr lebt davon, dass er einzelne Taten zu einem Merkmal der ganzen Gruppe verdichtet. Genau hier setzt die Übersetzung an: Sie zeigt dem Publikum die Mechanik, statt sie zu wiederholen. Eine Frage wie »Wie meinen Sie das genau — welche Taten, welche Täter, wie viele?« zwingt jede pauschale Bedrohungs-Erzählung, sich an der Wirklichkeit zu messen. Das Nachfragen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Denn es überlässt die Leerstelle dem Sprecher selbst zur Füllung. Besonders deutlich wird das Muster, wo dieselbe Rede zwei Behauptungen nebeneinanderstellt, die sich widersprechen: Gewalt gegen Migranten sei kein Problem — wohl aber die Gewalt, die von ihnen ausgehe. Die Asymmetrie wird dabei nicht benannt. Genau diese Lücke lässt sich ruhig zeigen, ohne dem Gegenüber eine Absicht zu unterstellen. Wichtig dabei: die unentschlossene Person nie mit der Parole gleichsetzen. Sonst verhärtet sie sich, statt zuzuhören. Das Ziel ist ihr Zweifel, nicht ihre Beschämung. Stattdessen hilft der Verweis auf einen gemeinsamen Wert: Sicherheit ist ein berechtigtes Anliegen. Gewonnen wird sie aber nicht durch pauschale Verdächtigung, sondern durch Differenzierung. Vorbeugen heißt: Einzelfall und Gruppe auseinanderhalten — bevor die nächste Dramatisierung greift, etwa Formulierungen wie »bei denen sich Ihnen die Nackenhaare hochstellen«. Am Ende steht kein Widerlegen einer Behauptung. Am Ende steht ein geschärftes Ohr für die Verschiebung von der Tat zur Gruppe. · Kontern hat ein anderes Ziel als Vorbeugen: Eine konkrete Aussage steht im Raum. Sie muss live entlarvt werden, vor Publikum, mit der Uhr, die tickt. Deshalb ist die Antwort direkter, zugespitzter — bezogen auf die vorliegende Aussage, nicht auf das allgemeine Muster. Die stärkste Antwort ist nicht die eigene Statistik gegen die fremde Statistik. Das würde bedeuten, die Annahme der Gegenseite zu übernehmen: dass Sicherheit tatsächlich eine Frage der Herkunft sei. Stärker ist es, die Technik selbst zu benennen: »Sie machen aus einzelnen Straftaten ein Gruppenmerkmal, das ist keine Sicherheitsanalyse, das ist eine Erzählung.« Wenn eine Rede offen behauptet, sie habe kein Problem mit Gewalt gegen Migranten, wohl aber mit »der Gewalt, die von Migranten ausgeht«, liegt der Widerspruch offen zutage. Hier lohnt es, diese Asymmetrie öffentlich zu spiegeln — statt sich in eine Aufrechnung von Opferzahlen ziehen zu lassen. Auch die Forderung, »die Festung Deutschland zu bauen«, verdient eine ebenso direkte Antwort: Sie beschreibt keine Sicherheitspolitik, sondern ein Aufgeben vor der eigenen Dramatisierung — »Eine Festung schützt niemanden vor einer Straftat, die in der Festung selbst passiert«. Auch wo eine Behauptung nur als Befürchtung geäußert wird, ohne einen Fall zu nennen, lohnt die knappe Nachfrage nach dem Beleg. Entscheidend ist: nicht in Empörung kippen, sondern die Engführung sachlich offenlegen. Wer aus »ihr Unwesen treiben« eine politische Forderung ableitet, hat den Beweis nie erbracht — nur die Sprache vorweggenommen. Kontern heißt: dem Publikum in Echtzeit zeigen, dass die Bedrohungs-Erzählung selbst schon das ganze Argument ist. Ein Satz, der stehen bleibt, wenn das Gespräch längst weitergezogen ist.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Formulierung verwendet den Kampfbegriff »Spezialisten und Fachkräfte« ironisch-zynisch, um Geflüchtete pauschal mit schwerster Kriminalität — Raub, Vergewaltigung, Mord — gleichzusetzen. Mit »täglich toben sich aus« naturalisiert sie diese Zuschreibung zu einem quasi triebhaften Dauerzustand und dramatisiert die Belastung der Justiz zu einer Grenze der Belastbarkeit, ohne Fallzahlen oder Verhältnis zur Gesamtkriminalität zu nennen.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich nehme das Wort, mit dem Politik und Wirtschaft um Zuwanderung werben — »Fachkräfte« — und drehe es zum Hohn: Wer mein »neue Spezialisten« hört, soll sofort den Widerspruch zwischen Anspruch und meiner Behauptung spüren. »Täglich toben sich aus« macht aus vereinzelten, schweren Straftaten einen ständigen, triebhaften Zustand einer ganzen Gruppe — als läge es in ihrer Natur, nicht im Einzelfall. Dass die große Mehrheit der Geflüchteten keine Straftaten begeht und die Kriminalstatistik das nicht hergibt, sage ich nicht — das würde mein Bild vom kollektiven Verbrechen zerstören. So wird aus jedem Einzelfall ein Beweis für alle, und aus der Forderung nach Recht und Ordnung ein Generalverdacht, den niemand mehr widerlegen kann.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Der Satz gibt der Angst um die Tochter im Bus einen bitteren Trost: Der Spott im Wort ›Spezialisten‹ macht aus der eigenen Furcht eine geteilte, scharfe Erkenntnis, für die man sich nicht rechtfertigen muss.

Für den, der ihn sagt: Die Ironie ersetzt den Beleg — wer über ›Fachkräfte‹ für Gewalt spottet, muss weder einen Fall noch eine Statistik nennen, die Pointe trägt die Zustimmung allein.

Die Bilanz: Kriminalität wird zur Eigenschaft einer Gruppe erklärt statt zur Frage von Personal und Ausstattung der Justiz — genommen wird die Möglichkeit, nach der eigentlichen Ursache überlasteter Gerichte zu fragen. Sicherer wird der Heimweg der Tochter dadurch nicht.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz benutzt keine Fakten, er benutzt ein Wort als Waffe. ›Spezialisten und Fachkräfte‹ nennt man Menschen, die etwas gut gelernt haben — hier wird der Begriff verdreht und über eine ganze Gruppe gelegt, als wäre Kriminalität ihr Beruf. ›Täglich‹ klingt nach einer festen, geprüften Zahl. Belegt wird sie nirgends. Und dass Behörden angeblich ›an den Rand der Belastbarkeit‹ gedrängt werden, bleibt ebenfalls eine reine Behauptung — ohne einen einzigen Fall, ohne eine einzige Statistik dahinter.

Dass Sie sich um Ihre Familie sorgen, wenn Sie von Raub und Gewalt lesen, ist völlig verständlich. Aber schauen Sie sich das Wort genau an, mit dem hier gearbeitet wird: ›Spezialisten und Fachkräfte‹. So nennt man Leute, die etwas können — hier wird der Begriff zum Spott, um eine ganze Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. ›Täglich‹ soll nach einer belegten Zahl klingen, ist aber keine. Und wenn Behörden angeblich ›an den Rand der Belastbarkeit‹ gedrängt werden — welcher Bericht, welche Zahl steht dahinter? Ein Satz, der spottet statt zu belegen, will nicht aufklären. Er will empören. Wo bleibt der Beleg?

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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