Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — AfD-Fraktion

„Der Rundfunk als sogenannte vierte Gewalt hat seine Kontrollpflichten gegenüber den anderen drei Gewalten unzureichend wahrgenommen. Er ist ihr Korrektiv und nicht ihr Sprachrohr. Staatsferne statt Kuschelkurs. Wo war der „gute Journalismus“ bei der Asylkrise? Nicht umsonst befindet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer tiefgreifenden Vertrauenskrise.“

Quelle

Sprecher
AfD-Fraktion
Datum
2016-12-07
Quelle
Drucksache 7/699 — Antrag Fraktion AfD Kündigung der Rundfunkstaatsverträge Der Landtag wolle beschließen: Die Landesregierung wird aufgefo
Fundort
Drucksache 7/699
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/drs/wp7/drs/d0699aan.pdf
Beleg-ID
fs-demo-abs-0159

Kodierte sprachliche Mittel

DelegitimierenDramatisieren / DammbruchKampfbegriffPseudo-Frage (»nur fragen«)

Gegenstrategie gegen Kampfbegriff: Das Wort in keiner Form übernehmen, auch nicht verneint oder in Anführungszeichen — benennen, dass es verurteilt statt beschreibt, und ein eigenes, beschreibendes Wort setzen. · Beschreibt dieses Wort etwas — oder verurteilt es nur? Wie hieße die Sache neutral? · forschungsgestuetzt

Gegenstrategie gegen Dramatisieren / Dammbruch: Die behauptete Kette Schritt für Schritt prüfen und die Gegenkräfte benennen, die sie stoppen — den Katastrophen-Rahmen dabei nicht nacherzählen, sondern nüchtern verkleinern. · Führt wirklich jeder Schritt zwingend zum nächsten — und welche Kräfte würden die Kette längst stoppen? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Delegitimieren: Quelle und Sache trennen: Der Angriff auf die Instanz beantwortet die Sachfrage nicht. Die prüfbare Aussage von der angegriffenen Quelle lösen und für sich prüfen. · Angenommen, die Quelle wäre dir gleichgültig — stimmt der Inhalt? Worauf stützt sich deine Ablehnung der Sache selbst? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Pseudo-Frage (»nur fragen«): Die in der Frage versteckte Behauptung explizit machen und Verantwortung dafür einfordern — wer ›nur fragt‹, behauptet, ohne geradezustehen. Erst wenn die Behauptung offen ist, lässt sie sich prüfen. · Welche Behauptung steckt in deiner Frage — stehst du zu ihr, damit wir sie prüfen können? · forschungsgestuetzt

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Engführung »Staatsferne statt Kuschelkurs« stellt zwei Zustände als einzige Alternative hin, ohne dass die Aussage benennt, an welcher konkreten Sendung oder Entscheidung sich der behauptete Kuschelkurs zeigen soll. Die anschließende Frage »Wo war der „gute Journalismus“ bei der Asylkrise?« bleibt unbeantwortet und suggeriert dadurch ein Versagen, das nie belegt werden muss – die Leerstelle füllt der Hörer mit eigenem Verdacht. Der Wechsel vom institutionellen Befund (»Kontrollpflichten … unzureichend wahrgenommen«) zum saloppen Bild vom Kuschelkurs verschiebt eine überprüfbare Behauptung in eine bloße Stimmung.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich stelle zwei Wörter gegeneinander, »Staatsferne« und »Kuschelkurs«, und schon habe ich eine These, ohne einen einzigen Beleg liefern zu müssen. Ich nenne den Rundfunk »Sprachrohr« statt »Korrektiv« – auch das ein Bild, kein Nachweis. Am wirkungsvollsten ist meine Frage: »Wo war der gute Journalismus bei der Asylkrise?« Ich beantworte sie nicht, ich muss es nicht – die Frage allein erzeugt den Verdacht, den ich brauche. Wer nachfragt, welche Sendung ich eigentlich meine, hat mein eigentliches Ziel schon verfehlt: nicht Aufklärung, sondern das diffuse Gefühl, dass da etwas faul war.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Das Gefühl, beim öffentlich-rechtlichen nur die halbe Geschichte zu bekommen, wird bestätigt statt abgetan: ›Kuschelkurs‹ erklärt die eigene, selbst recherchierte Ahnung für richtig, die nichts Konkretes fand — der eigene Verdacht bekommt endlich einen Namen und wird ernst genommen.

Für den, der ihn sagt: Die Frage ›Wo war der gute Journalismus bei der Asylkrise‹ wirkt wie ein Beleg, bleibt aber unbeantwortet – der Satz kassiert die Empörung, ohne je eine einzige Sendung benennen zu müssen.

Die Bilanz: Statt einzelne Berichte zu prüfen, bindet der Satz das Misstrauen an ein pauschales Bild – ›Sprachrohr‹ gegen ›Korrektiv‹, entschieden ist es schon. Wer selbst nachschaute und ›nichts Ordentliches‹ fand, bekommt darauf keine Antwort, nur die Bestätigung des Bilds.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz behauptet einen ›Kuschelkurs‹, nennt aber keine einzige Sendung, keinen Beitrag, kein Beispiel. Die Frage ›Wo war der „gute Journalismus“ bei der Asylkrise?‹ klingt wie ein Beweis, ist aber keiner – sie ist nur eine Frage, unbeantwortet gelassen. Wer wirklich zeigen will, dass ein Sender sein ›Korrektiv‹ nicht ist, sondern ›Sprachrohr‹, muss konkrete Berichte nennen, nicht nur zwei Wörter gegeneinanderstellen.

Dass viele beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk genauer hinschauen wollen, ist völlig berechtigt. Aber schauen Sie sich den Satz mal genau an: Da steht ›Staatsferne statt Kuschelkurs‹ – klingt hart, aber welche Sendung, welcher Beitrag ist gemeint? Keiner wird genannt. Und die Frage ›Wo war der „gute Journalismus“ bei der Asylkrise?‹ – das ist keine Antwort, das ist nur eine Frage, die im Raum stehen bleibt. Wer wirklich zeigen will, der Sender sei zum ›Sprachrohr‹ geworden statt zum ›Korrektiv‹, muss konkrete Beispiele auf den Tisch legen. Zwei Wörter gegenüberzustellen ist kein Beleg. Das ist eine Behauptung mit Bild statt mit Beweis.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

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