Gegen Rechte Reden

Belegte Aussage — Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)

„Im Übrigen dürfte ein Großteil der Morde an Frauen in Deutschland seit 2016 von illegalen Einwanderern verübt worden sein. Anders als Femizid bezeichnet der Begriff Ehrenmord ein scharf umgrenztes Phänomen, bei dem eine kulturell-politische Einstellung tatsächlich den Ausschlag gibt. Wenn aber die AfD auf die importierte Gewalt gegen Frauen hinweist, dann erwidern Sie, gestützt auf den Femizid-Begriff, dass nicht der Einwanderer, sondern der Mann an sich das Problem sein soll.“

Quelle

Sprecher
Dr. Hans-Thomas Tillschneider (AfD)
Datum
2024-11-20
Quelle
Stenografischer Bericht 8/77 — a) Aktuelle Debatte Gewalt ist keine Privatsache. Femizide sind Mord. Frauen schützen! Antrag Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drs. 8/4810 b) Beratung Gewalthilfegesetz jetzt verabschieden Frauenunterstützungsstrukturen gewährleisten Antrag Fraktion Die Linke - Drs. 8/4759 Alternativantrag Fraktionen CDU, SPD und FDP - Drs. 8/4826
Fundort
Plenarprotokoll 8/77, TOP 3
Original
https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/plenum/wp8/077stzg.pdf
Beleg-ID
fs-demo-abs-0401

Kodierte sprachliche Mittel

Chiffre / Dog WhistlePauschalisierenGefahr & Bedrohung (Argumentationsmuster)Zahlen (Argumentationsmuster)

Gegenstrategie gegen Chiffre / Dog Whistle: Den Code offenlegen: aussprechen, was das Wort den Eingeweihten signalisiert — eine Chiffre verliert ihre Deckung, sobald die zweite Botschaft offen im Raum steht. Herkunftsbeleg bereithalten. · Was verstehen diejenigen, die den Code kennen — sag es doch einmal offen. · eigenuebertrag

Gegenstrategie gegen Pauschalisieren: Das ›die‹ auflösen (wer konkret?), die Stichprobe prüfen und Gegenbeispiele benennen — der Schluss vom Einzelnen auf das Wesen einer Gruppe ist der klassische Fehlschluss der voreiligen Verallgemeinerung. · Auf wie vielen Fällen beruht das — und gilt es für alle oder für Einzelne, die man benennen kann? · argumentationstheoretisch

Gegenstrategie gegen Gefahr & Bedrohung (Argumentationsmuster): Wer vorbeugend gegen dieses Muster wappnen will, muss zuerst den Unterschied zum Kontern klarmachen: Es geht nicht darum, eine Person bloßzustellen, sondern darum, dass ein Publikum die Konstruktion selbst erkennt, bevor sie greift — deshalb erklärend, an der Sache orientiert, nie an der Person, die die Parole gerade wiederholt. Der Argumentationsstrang Gefahr lebt davon, dass er einzelne Taten zu einem Kollektivmerkmal verdichtet; genau hier setzt die Übersetzung an, die dem Publikum die Mechanik zeigt, statt sie zu wiederholen. Eine Formulierung wie »Wie meinen Sie das genau — welche Taten, welche Täter, wie viele?« zwingt jede pauschale Bedrohungserzählung, sich an der Wirklichkeit zu messen; das Nachfragen wirkt stärker als jede Gegenstatistik, weil es die Leerstelle dem Sprecher selbst zur Füllung überlässt. Das Muster zeigt sich besonders klar dort, wo dieselbe Rede zwei gegenläufige Behauptungen — Gewalt gegen Migranten sei kein Problem, wohl aber die Gewalt, die von ihnen ausgehe — nebeneinanderstellt, ohne dass die Asymmetrie benannt wird; genau diese Lücke lässt sich ruhig aufzeigen, ohne dem Gegenüber eine Absicht zu unterstellen. Wichtig ist dabei, die unentschlossene Person nie mit der Parole gleichzusetzen — sonst verhärtet sie sich, statt zuzuhören; das Ziel ist ihr Zweifel, nicht ihre Beschämung. Stattdessen hilft der Verweis auf einen gemeinsamen Wert: Sicherheit ist ein legitimes Anliegen, das gerade durch pauschale Verdächtigung nicht gewonnen wird, sondern durch Differenzierung. Immunisieren heißt, Einzelfall und Kollektiv auseinanderzuhalten, bevor die nächste Dramatisierung — »bei denen sich Ihnen die Nackenhaare hochstellen« — überhaupt verfängt. Am Ende steht kein Widerlegen einer Behauptung, sondern ein geschärftes Ohr für die Verschiebung von der Tat zur Gruppe. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das Immunisieren: Eine konkrete Aussage steht im Raum, die live entlarvt werden muss, vor Publikum, mit der Uhr, die tickt — deshalb direkter, zugespitzter, auf die vorliegende Aussage bezogen statt auf das allgemeine Muster. Die stärkste Antwort besteht nicht darin, die Statistik der Gegenseite mit einer eigenen Statistik zu kontern — das hieße, deren Prämisse zu übernehmen, dass Sicherheit tatsächlich eine Frage der Herkunft sei —, sondern die Technik selbst zu benennen: »Sie machen aus einzelnen Straftaten ein Gruppenmerkmal, das ist keine Sicherheitsanalyse, das ist eine Erzählung.« Wenn eine Rede offen behauptet, sie habe kein Problem mit Gewalt gegen Migranten, wohl aber mit »der Gewalt, die von Migranten ausgeht«, liegt der Widerspruch auf der Hand — hier lohnt es, diese Asymmetrie öffentlich zu spiegeln, statt sich in eine Aufrechnung von Opferzahlen ziehen zu lassen. Die Forderung, »die Festung Deutschland zu bauen«, verdient eine ebenso direkte Reaktion: Sie beschreibt keine Sicherheitspolitik, sondern eine Kapitulation vor der eigenen Dramatisierung — »Eine Festung schützt niemanden vor einer Straftat, die in der Festung selbst passiert«. Auch wo eine Behauptung nur zu befürchten steht, ohne einen Fall zu nennen, lohnt die knappe Nachfrage nach dem Beleg. Entscheidend ist, nicht in Empörung zu kippen, sondern die Engführung sachlich offenzulegen: Wer aus »ihr Unwesen treiben« eine politische Forderung ableitet, hat die Beweislast nie erbracht, nur die Sprache vorweggenommen. Kontern heißt, dem Publikum in Echtzeit zu zeigen, dass die Bedrohungserzählung selbst das Argument ist — ein Satz, der stehen bleibt, wenn das Gespräch längst weitergezogen ist. · Vorbeugen hat ein anderes Ziel als Kontern: Es geht nicht darum, eine Person bloßzustellen. Es geht darum, dass ein Publikum die Konstruktion selbst erkennt, bevor sie wirkt. Deshalb bleibt der Ton erklärend, sachbezogen. Er richtet sich nie gegen die Person, die die Parole gerade wiederholt. Der Argumentationsstrang Gefahr lebt davon, dass er einzelne Taten zu einem Merkmal der ganzen Gruppe verdichtet. Genau hier setzt die Übersetzung an: Sie zeigt dem Publikum die Mechanik, statt sie zu wiederholen. Eine Frage wie »Wie meinen Sie das genau — welche Taten, welche Täter, wie viele?« zwingt jede pauschale Bedrohungs-Erzählung, sich an der Wirklichkeit zu messen. Das Nachfragen wirkt stärker als jede Gegenstatistik. Denn es überlässt die Leerstelle dem Sprecher selbst zur Füllung. Besonders deutlich wird das Muster, wo dieselbe Rede zwei Behauptungen nebeneinanderstellt, die sich widersprechen: Gewalt gegen Migranten sei kein Problem — wohl aber die Gewalt, die von ihnen ausgehe. Die Asymmetrie wird dabei nicht benannt. Genau diese Lücke lässt sich ruhig zeigen, ohne dem Gegenüber eine Absicht zu unterstellen. Wichtig dabei: die unentschlossene Person nie mit der Parole gleichsetzen. Sonst verhärtet sie sich, statt zuzuhören. Das Ziel ist ihr Zweifel, nicht ihre Beschämung. Stattdessen hilft der Verweis auf einen gemeinsamen Wert: Sicherheit ist ein berechtigtes Anliegen. Gewonnen wird sie aber nicht durch pauschale Verdächtigung, sondern durch Differenzierung. Vorbeugen heißt: Einzelfall und Gruppe auseinanderhalten — bevor die nächste Dramatisierung greift, etwa Formulierungen wie »bei denen sich Ihnen die Nackenhaare hochstellen«. Am Ende steht kein Widerlegen einer Behauptung. Am Ende steht ein geschärftes Ohr für die Verschiebung von der Tat zur Gruppe. · Kontern hat ein anderes Ziel als Vorbeugen: Eine konkrete Aussage steht im Raum. Sie muss live entlarvt werden, vor Publikum, mit der Uhr, die tickt. Deshalb ist die Antwort direkter, zugespitzter — bezogen auf die vorliegende Aussage, nicht auf das allgemeine Muster. Die stärkste Antwort ist nicht die eigene Statistik gegen die fremde Statistik. Das würde bedeuten, die Annahme der Gegenseite zu übernehmen: dass Sicherheit tatsächlich eine Frage der Herkunft sei. Stärker ist es, die Technik selbst zu benennen: »Sie machen aus einzelnen Straftaten ein Gruppenmerkmal, das ist keine Sicherheitsanalyse, das ist eine Erzählung.« Wenn eine Rede offen behauptet, sie habe kein Problem mit Gewalt gegen Migranten, wohl aber mit »der Gewalt, die von Migranten ausgeht«, liegt der Widerspruch offen zutage. Hier lohnt es, diese Asymmetrie öffentlich zu spiegeln — statt sich in eine Aufrechnung von Opferzahlen ziehen zu lassen. Auch die Forderung, »die Festung Deutschland zu bauen«, verdient eine ebenso direkte Antwort: Sie beschreibt keine Sicherheitspolitik, sondern ein Aufgeben vor der eigenen Dramatisierung — »Eine Festung schützt niemanden vor einer Straftat, die in der Festung selbst passiert«. Auch wo eine Behauptung nur als Befürchtung geäußert wird, ohne einen Fall zu nennen, lohnt die knappe Nachfrage nach dem Beleg. Entscheidend ist: nicht in Empörung kippen, sondern die Engführung sachlich offenlegen. Wer aus »ihr Unwesen treiben« eine politische Forderung ableitet, hat den Beweis nie erbracht — nur die Sprache vorweggenommen. Kontern heißt: dem Publikum in Echtzeit zeigen, dass die Bedrohungs-Erzählung selbst schon das ganze Argument ist. Ein Satz, der stehen bleibt, wenn das Gespräch längst weitergezogen ist.

Gegenstrategie gegen Zahlen (Argumentationsmuster): Wer diesen Argumentationsstrang vorbeugend entkräften will, muss vorher klären, wofür er das tut: Immunisieren erreicht Menschen, bevor sie einer Zahlenbehauptung ausgesetzt sind oder kurz danach — es erklärt, ohne jemanden bloßzustellen, der sich von einer Zahl beeindrucken ließ. Das unterscheidet es vom Kontern, das im Moment der Konfrontation die Behauptung selbst widerlegt; hier geht es darum, ein Werkzeug an die Hand zu geben, das beim nächsten Zahlensatz von selbst anspringt. Der Kern dieses Werkzeugs ist eine einzige Nachfrage: Bezogen auf was? Wenn Siegmund »55 % im Bürgergeld« sagt, folgt die Anschlussfrage von selbst — 55 Prozent von welcher Grundgesamtheit, verglichen mit welcher anderen Gruppe, seit wann? Dieselbe Nachfrage trägt bei Umfragezahlen genauso: Führt die AfD-Fraktion an, es teilten »77 Prozent der Deutschen die Ansicht, es brauche eine grundsätzlich andere Asyl- und Flüchtlingspolitik«, bleibt offen, was mit dieser Politik gemeint war — Zustimmung zu einer vagen Formel ist etwas anderes als Zustimmung zu einem konkreten Programm. Der Bildungsauftrag des Immunisierens: nicht AfD-Politiker als Lügner hinstellen, sondern zeigen, dass eine nackte Zahl grundsätzlich unterbestimmt ist — mit derselben Wachsamkeit sollte man jeder isolierten Zahl begegnen, egal von wem sie kommt. Wer diese Nachfrage verinnerlicht hat, lässt sich von »Realität«-Behauptungen wie bei Tillschneiders Köln-Zahl nicht mehr blenden. Ein Wertebezug hilft zusätzlich: Politik sollte auf vollständigen, nicht auf zurechtgeschnittenen Zahlen beruhen — darüber lässt sich Einigkeit finden, auch ohne Streit über exakte Prozentpunkte. Wichtig ist, die Person nicht mit der Partei gleichzusetzen, die eine solche Zahl zitiert hat — oft hat sie die fehlende Einordnung selbst nicht bemerkt, weil sie ihr so plausibel vorgeführt wurde. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das Immunisieren: Es geht nicht um vorbeugende Aufklärung eines noch unentschlossenen Publikums, sondern darum, eine konkret vorgetragene Zahlenbehauptung vor den Anwesenden live zu entkräften — deshalb ist der Ton direkter und die Argumentation angriffslustiger, ohne die Person persönlich anzugreifen. Die wirksamste Bewegung ist, die Technik selbst zu benennen, statt über den Inhalt der Zahl zu streiten: »Sie sagen, die Zahl spricht für sich — aber jede Zahl braucht eine Bezugsgröße, sonst ist sie eine Behauptung im leeren Raum.« Das entlarvt den rhetorischen Trick, ohne die Ausgangszahl selbst anzuerkennen oder zu bestreiten, und vermeidet die Falle, sich in einen Zahlenstreit auf dem Boden des Sprechers ziehen zu lassen. Konkret lässt sich das an der Bürgergeld-Zahl vorführen: Kirchner zitiert an anderer Stelle »62,8 Prozent aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten … Migrationshintergrund« — eine Zahl, die durch Daten der Bundesagentur für Arbeit gedeckt ist, deren Kategorie »Migrationshintergrund« aber auch in Deutschland geborene Kinder und Enkel einschließt. Nicht die Zahl ist falsch, sondern das Schweigen über das, was sie eigentlich misst. Dieselbe Lücke lässt sich bei Tillschneiders Köln-Zahl vorführen: Wer aus dem Anteil straffällig gewordener Personen unter »allen in Köln registrierten Marokkanern, Algeriern und Tunesiern« auf »Realität« schließt, verschweigt die Vergleichsgruppe — dazu lässt sich knapp sagen: »Verglichen womit? Ohne Vergleichsgruppe ist das keine Realität, sondern eine Momentaufnahme.« Wer das öffentlich vorführt, entzieht der Zahl ihre Behauptungskraft, ohne selbst eine Gegenzahl ins Rennen zu schicken. Am Ende steht die pointierte Feststellung: Eine Zahl ohne Bezugsgröße ist keine Information, sondern eine Stimmung mit Prozentzeichen. · Wer diesem Argument vorbeugend die Wirkung nehmen will, muss vorher klären: Wofür genau? Vorbeugen erreicht Menschen, bevor sie einer Zahlenbehauptung begegnen — oder kurz danach. Es erklärt, ohne jemanden vorzuführen, der sich von einer Zahl beeindrucken ließ. Das unterscheidet Vorbeugen vom Kontern: Kontern widerlegt eine Behauptung live, im Moment der Konfrontation. Vorbeugen gibt ein Werkzeug mit, das beim nächsten Zahlensatz von selbst anspringt. Der Kern dieses Werkzeugs ist eine einzige Nachfrage: Bezogen auf was? Sagt Siegmund »55 % im Bürgergeld«, folgt die Frage von selbst: 55 Prozent wovon genau? Verglichen mit welcher Gruppe? Seit wann? Dieselbe Frage passt auch bei Umfragezahlen. Sagt die AfD-Fraktion, es teilten »77 Prozent der Deutschen die Ansicht, es brauche eine grundsätzlich andere Asyl- und Flüchtlingspolitik«, bleibt offen: Was ist mit dieser Politik gemeint? Zustimmung zu einer vagen Formel ist etwas anderes als Zustimmung zu einem klaren Programm. Wichtig dabei: Es geht nicht darum, AfD-Politiker als Lügner hinzustellen. Es geht darum zu zeigen, dass eine nackte Zahl grundsätzlich unvollständig ist — mit derselben Wachsamkeit sollte man jeder isolierten Zahl begegnen, egal von wem sie kommt. Wer diese Nachfrage verinnerlicht hat, lässt sich auch von »Realität«-Behauptungen wie Tillschneiders Köln-Zahl nicht mehr blenden. Ein gemeinsamer Wert hilft zusätzlich: Politik sollte auf vollständigen Zahlen beruhen, nicht auf zurechtgeschnittenen — darüber lässt sich Einigkeit finden, auch ohne Streit über einzelne Prozentpunkte. Und: Die Person nicht mit der Partei gleichsetzen, die eine solche Zahl zitiert hat — oft hat sie die fehlende Erklärung selbst nicht bemerkt, weil die Zahl ihr so plausibel vorgeführt wurde. · Wer im Moment der Konfrontation kontert, verfolgt ein anderes Ziel als das Vorbeugen: Die Behauptung steht schon im Raum, vor Publikum — und muss sofort als das erkennbar werden, was sie ist. Deshalb ist der Ton hier direkter, ohne die Person persönlich anzugreifen. Am wirksamsten ist es, den Trick selbst zu benennen, statt über die Zahl zu streiten: »Sie sagen, die Zahl spricht für sich — aber jede Zahl braucht eine Bezugsgröße, sonst ist sie eine Behauptung im leeren Raum.« Das entlarvt den Trick, ohne die Ausgangszahl anzuerkennen oder zu bestreiten — und vermeidet die Falle, sich auf einen Zahlenstreit einzulassen, den man auf fremdem Boden führt. Konkret zeigt sich das an der Bürgergeld-Zahl: Kirchner zitiert an anderer Stelle »62,8 Prozent aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten … Migrationshintergrund« — eine Zahl, die durch Daten der Bundesagentur für Arbeit gedeckt ist. Nur: Die Kategorie »Migrationshintergrund« schließt auch in Deutschland geborene Kinder und Enkel ein. Nicht die Zahl ist falsch — verschwiegen wird, was sie eigentlich misst. Dieselbe Lücke zeigt sich bei Tillschneiders Köln-Zahl. Wer aus dem Anteil straffällig gewordener Personen unter »allen in Köln registrierten Marokkanern, Algeriern und Tunesiern« auf »Realität« schließt, verschweigt die Vergleichsgruppe. Dazu reicht ein Satz: »Verglichen womit? Ohne Vergleichsgruppe ist das keine Realität, sondern eine Momentaufnahme.« Wer das öffentlich vorführt, nimmt der Zahl ihre Kraft — ganz ohne eigene Gegenzahl. Am Ende steht der Satz, der alles zusammenfasst: Eine Zahl ohne Bezugsgröße ist keine Information, sondern eine Stimmung mit Prozentzeichen.

Vertiefung: alle Manipulationsmittel und ihre Gegenrede.

Sprachkritische Analyse

Die Aussage nutzt den Konjunktiv „dürfte", um eine unbelegte Mehrheitsbehauptung als naheliegende Tatsache erscheinen zu lassen. Sie grenzt „Ehrenmord" als fremd-kulturelles Phänomen scharf von „Femizid" ab und deutet die Gegenposition so, als verschiebe sie die Verantwortung pauschal auf „den Mann an sich". So entsteht eine Wahl zwischen zwei Polen, die sich in Wirklichkeit nicht ausschließen.

So hört der ideologiekritisch geschulte Leser das unausgesprochene Kalkül (Rekonstruktion, kein Zitat):

Ich sage nicht „ist so", ich sage „dürfte" — dann kann mir später niemand eine falsche Zahl vorhalten, und trotzdem bleibt der Eindruck einer Mehrheit hängen. Eine Quelle nenne ich nicht, das würde die Aussage nur angreifbar machen. Wenn ich Ehrenmord scharf von Femizid trenne, hole ich mir die Deutungshoheit: das eine ist kulturell und fremd, das andere ein Gegenbegriff, den die anderen erst erfunden haben, um von der Herkunft abzulenken. Sage ich dann, meine Gegner wollten „den Mann an sich" verantwortlich machen, stelle ich es so dar, als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten — und wer meiner Zahl widerspricht, verteidigt eben Männer im Allgemeinen. So bleibt der eigentliche Punkt unangreifbar: die Herkunft.

Was diese Aussage leistet

Für den, der ihn hört: Die Angst um die Tochter, die abends allein Bus fährt, bekommt eine klare Adresse: nicht diffuse Gefahr, sondern ›importierte Gewalt‹, formuliert im Konjunktiv, der wie eine Tatsache klingt.

Für den, der ihn sagt: Mit ›dürfte ein Großteil‹ gewinnt der Satz die Zustimmung derer, die die Gewalt gegen Frauen einer Gruppe zuschreiben wollen, ohne sich später auf eine Zahl festnageln zu lassen — der Konjunktiv sichert vor jeder Richtigstellung ab, während die Aussage als Fakt wirkt.

Die Bilanz: Die falsche Wahl zwischen ›Einwanderer‹ und ›Mann an sich‹ schließt aus, dass beides zutrifft, und verengt so die Frage, wer Frauen wirklich schützt, auf eine einzige Gruppe. Ob die Tochter auf dem Heimweg sicherer wird, klärt der Satz nicht, er verteilt nur Schuld.

Ausgearbeitete Gegenrede

Der Satz behauptet mit ›dürfte ein Großteil‹ eine Mehrheit, ohne eine einzige Zahl zu nennen — der Konjunktiv klingt vorsichtig, wirkt aber wie eine Tatsache. Am Ende steht eine falsche Wahl: ›nicht der Einwanderer, sondern der Mann an sich‹. Beides schließt sich nicht aus — ein Mann mit Migrationshintergrund ist immer noch ein Mann. Wer die Wahl so eng stellt, blendet die eigentliche Frage aus: wer schützt die Frauen wirklich?

Gewalt gegen Frauen ist ein echtes Problem. Doch schauen wir auf das Wort ›dürfte‹. Es klingt vorsichtig — und behauptet trotzdem: ›ein Großteil‹ soll von Einwanderern kommen. Woher die Zahl stammt, steht nirgends. Dann die Falle: angeblich nur ›der Einwanderer‹ oder ›der Mann an sich‹. Dabei ist das oft derselbe Mensch.

Mehr Beispiele und die Übungsformen dazu: Gegenrede-Beispiele · Training.

Hier üben

Interaktive Trainingseinheiten auf dieser Website, die mit genau dieser belegten Aussage arbeiten (die Szenen darin sind fiktiv, die Zitate belegt):

Begriffe in dieser Aussage

Weitere Fundstellen zum Thema demokratie